27. September 2018

Referent: Prof. Dr. Michael Meyen, LMU, Institut Kommunkationswissenschaften und Medienforschung

Als Peter Altmaier Umweltminister (!) war, behauptete er 2014, die Energiewende werde bis 2025 wahrscheinlich 1 Billion Euro kosten. Seither wurde diese Aussage vielfach widergegeben, von interessierten Kreisen kräftig orchestriert; u.a. mit einer Studie, die im Auftrag der industrienahen Initiative „Neue Soziale Marktwirtschaft“ veröffentlicht wurde: „Subventionen für Energiewende viel zu hoch“. Dies hundertfach in Druckmedien, talkshows, politischen Debatten, unwidersprochen, nicht gegenrecherchiert, nicht geprüft, ohne Medienecho „richtig dagegen ist“…

Aber es wurde erreicht, was erreicht werden sollte: Obwohl die Kosten-Aussage von Altmaier&Co nie gestimmt hat und allen Rechnungen aller nicht Interessen-behafteten Experten widerspricht: Seither „weiß“ jedermann in Deutschland, dass die Energiewende in Deutschland sehr teuer ist, viel zu teuer. Und niemand spricht davon, dass die Energiewende nicht via Subventionen aus Steuermitteln sondern via Strompreis von uns Privatkunden (kaum von der Industrie) finanziert wird, dass milliardenschwere Steuer-Subventionen weiterhin zu Atom und Braunkohle fließen.

Exakt vorige Woche, am 20.09.2019, wurde Peter Altmaier von Maybrit Illner in ihrer talkshow gefragt, diesmal als Wirtschaftsminister, ob die Zahl von 1 Billion Euro von damals stimme, und was heute die richtige Zahl sei. Altmaier: Ähm… Also so ähnlich werde das wohl sein… jedenfalls die 1,4 Mrd. Euro Verteuerung wegen Verzögerung des Baus der Überlandleitung Südlink seien da schon drin…

So werden aus 1 Billion Euro vielleicht einige zig Milliarden… Herr Altmaier als zuständiger Bundesminister scheint die Zahl entweder nicht zu kennen oder traut sich nicht, sie zu sagen.  Von bislang 160 Mrd. Euro spricht derweil der Bundesrechnungshof und kritisiert das Bundesfinanzministerium wegen mangelnder Effizienz und Zielerreichung:  http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/rechnungshof-beklagt-grosse-defizite-bei-energiewende-15810958.html

Und haben Sie irgend etwas gelesen oder gehört: „Altmaier relativiert Kostenaussage zur Energiewende… Energiewende viel billiger…“? Mitten hineingesprungen also, in die deutsche mediale Wirklichkeit: „Medienlogik und Medienwirkung – am Beispiel Klimawandel“:

Frank Schirrmacher wusste es schon 2012. Nehmen wir an, der Ökozid sei heute bereits eingetreten, sagte der FAZ-Herausgeber damals in einem Interview, "dann würde es die Tagesschau morgen schon als Normalität behandeln."

Egal ob Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, führende Tageszeitungen, talkshows oder Online-Angebote: Getrieben von Kommerzialisierung/Amerikanisierung auch der Öffentlich-Rechtlichen Medien machen Journalisten das, was Reichweite maximiert, „Quote“ bringt. Sie vereinfachen, sie übertreiben, sie spitzen zu. Egal ob fake-news oder nicht, sie greifen „Knallendes“ auf, sie erzählen Geschichten und sie verdichten komplexe Themen auf Konflikte zwischen zwei oder drei Spitzenleuten. Breaking News: Das ist die Währung, um die im „System Massenmedien“ gespielt wird.

Der Klimawandel passt nicht in diese Muster der Realitätskonstruktion. Medien geben nicht die „Wahrheit“ wider, sondern Erzählungen darüber, Diskurse. Und die kreisen um die drei Dogmen wirtschaftliches Wachstum, Beherrschbarkeit und individuelle Freiheit. Vortrag und Diskussion von und mit Prof. Dr. Michael Meyen, Institut für Kommunikationswissenschaften und Medienforschung, LMU München, zeigten eindrucksvoll, wie sich die Medienrealität in Deutschland in den letzten 30 Jahren verändert hat, wie das Thema Klimawandel dort behandelt wird und was man tun müsste, um dies zu ändern.
Hier finden Sie den Link zu seinem Vortrag.

Zum Weiterlesen finden Sie hier zu „Medienrealität – Ein Blog des Forschungs- und Lehrbereichs von Michael Meyen (LMU München)“, in dem Lehrende und Studierende ihre Arbeiten und Stellungnahmen veröffentlichen: https://medienblog.hypotheses.org/ueber-uns


Dr. Helmut Paschlau

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