Donnerstag, 17. Oktober 2013
19:00 Uhr
Neues Rathaus, Großer Sitzungssaal, Marienplatz 8, München

Referent:

  • Prof. Dr. Markus Vogt, Ludwig-Maximilian-Universität, Lehrstuhl für Christliche Sozialethik


Ein katholischer Moraltheologe und christlicher Sozialethiker äußerte sich zur Energiewende, und zwar grundsätzlich und aufrüttelnd! Der Vortragstext ist unbedingt lesenswert.

Vortrag Prof. Dr. Markus Vogt: Klicken Sie hier

Unsere gesamte Veranstaltungsreihe „Mutbürger für Energiewende!“ zeigt, dass wir Klimawandel und Energiewende nicht „technisch“ verstehen. „Die Energiewende beginnt im Kopf!“ war der vorgegebene Vortragstitel an diesem Abend. Vogt analysierte: „Energie“, „Wende“, „beginnt“, „im Kopf“ – stimmt alles.

Von „Moral der Energiewende“ war die Rede; es ging um die ethische Bewertung der Energie. Andere Länder teilen keineswegs die Auffassung, nach der Fukushima-Katastrophe aus der Kernenergie aussteigen zu sollen; wieder andere gehen neuartige, unüberblickbare Risiken ein, Stichwort „Fracking“. Die deutsche Energiewende ist ein Suchprozess, bei dem Fehler und Konflikte nicht vermeidbar sind. Doch sie ist als „historisch“ einzustufen: Der Wechsel zu einer postfossilen und postnuklearen Energie- und Ressourcenbasis wird einen bahnbrechenden Stellenwert für die Zukunftssicherung der Weltgesellschaft haben, dessen nicht-prognostizierbare Tiefen-, Breiten- und Fernwirkung mit dem der industriellen Revolution beginnend vor 200 Jahren verglichen wird.

Ethisch ist die „Energiewende“ begründet worden von der „Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung“, der „gesellschaftlich-politischen Wertung“ wollten wir mit der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung nachgehen: „Die Kommission hat ihr Ziel, einen umsetzbaren und durch umsichtige Berücksichtigung der berechtigten Interessen aller Betroffenen moralisch legitimierten Regelungsvorschlag zu erarbeiten, erfolgreich erfüllt; … (doch) so mündet die Energiedebatte in einen Diskurs über die Rechtfertigungsfähigkeit und nötige Kurskorrektur des westlichen Wohlstandsmodells“, so der Referent. „Es geht nicht einfach darum, den einen Energieträger durch einen anderen zu ersetzen, sondern um neue Muster in der Art des Wirtschaftens, der Mobilität und der Siedlungsstrukturen, um eine gesellschaftliche Transformation“.

Aber es bleibt sehr viel zu tun, sehr viel zu verbessern, doch „ein Mutbürger lässt sich nicht einschüchtern“, z.B.: „Die Energiewende ist eine ökonomische, ökologische und moralische Notwendigkeit. Sozialverträglich wird sie jedoch nur gelingen, wenn wir sie auch gestalten“ (Vogt). Oder, wieder an die Adresse der Mutbürger: „Wer sich mit Energie beschäftigt, darf nicht nur idealistisch von moralischen Postulaten ausgehen, sondern muss sehr nüchtern die tatsächlichen Interessenskonflikte und Machtverteilungen anschauen, um etwas zu bewegen“. „Der Mutbürger in der Energiewende braucht die subversive Kraft einer Hoffnung, die auch bei großen Widerständen und manchen Rückschlägen nicht aufgibt, die aber auch selbstkritisch immer wieder neu die eigenen Verhaltensmuster hinterfragt. Ihre Basis ist nicht die Angst vor der Zukunft, sondern der Mut zum Wandel“.

Politisch, ethisch, systemisch, (mit sechs Prioritäten) praktisch und abschließend theologisch hat Vogt die Energiewende in seinem Vortrag durchdekliniert. Wir sind gespannt auf sein in den nächsten Tagen erscheinendes, von ihm und Jochen Ostheimer herausgegebenes Buch „Die Moral der Energiewende – Risikowahrnehmung im Wandel, am Beispiel der Atomenergie“ (Kohlhammer, November 2013).

In der Diskussion erntete Vogt an zwei Punkten Widerspruch: Sein (richtiger) Hinweis, die Energiewende müsse – angesichts der zunehmenden Energiearmut – auch sozial gestaltet werden, dürfe nicht in dem Sinne übersetzt werden, dass Energie „billig“ bleiben müsse. Die heute viel zu billige Energie (z.B. sind die externen Kosten damit verbundener Klima- und  Umweltbeeinträchtigungen nicht eingerechnet) stehe Effizienz und Suffizienz diametral entgegen. Energie wird auch definitiv nicht „billig“ bleiben. Und: Soziale Probleme müssen mit sozialpolitischen, nicht klima- oder energiepolitischen Instrumenten gelöst werden.

Der zweite Kritikpunkt: „Resilienz“, Hinweis von Vogt, dass Gesellschaften, die (rechtzeitig) zum Wandel fähig sind, bessere Zukunftsaussichten haben und robuster mit vielleicht unerwünschten, jedenfalls unvermeidlichen Änderungszwängen umgehen können und werden. Die Kritik: Resilienz dürfe nicht als Instrument verstanden werden, die Gesellschaft „fitter“ zu machen gegen globale Notwendigkeiten, aus der fossilen Gegenwart umzusteigen in eine postfossile Zukunft; quasi als Problem-Weitergabe-Mechanismus zu erwartender wirtschaftlicher, sozialer, gesellschaftlicher Härten in Richtung künftiger Generationen und Dritter Welten. Resilienz könne nur bedeuten, Wandel-Risiken proaktiv als Chance zu nutzen, gesellschaftliche Reformprozesse in Gang zu setzen, um die derzeitige Gesellschaft strukturell in Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen.

 

 

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