15. September 2015

Referent: Dr. Wilfried Bommert, Institut für Welternährung – World Food Institute, Berlin

Immer mehr Menschen zieht es auf der Suche nach Arbeit in die Städte. Bis zum Jahr 2050 wird es etwa sechs Milliarden Stadtbewohner geben, rund 80 Prozent der Weltbevölkerung. Diese Städte der Zukunft werden allerdings nicht so aussehen, wie wir es heute von unseren westlichen Großstädten gewohnt sind, sondern weitgehend aus ärmlichen Hüttensiedlungen ohne Infrastruktur bestehen. Schon heute hungern rund eine Milliarde Menschen, weitere anderthalb Milliarden sind zumindest mangelernährt.

Die weltweiten Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte auf dem Ernährungssektor stimmen nicht unbedingt hoffnungsvoll, was die Sicherheit unserer zukünftigen Versorgung mit Nahrungsmitteln betrifft. Biosprit- und Futterpflanzen für die Tiermast benötigen immer mehr Anbauflächen, die für die Produktion von Reis, Gemüse und Brotgetreide verloren gehen. Dazu kommt, dass zunehmend die Fundamente der Ernährungssicherheit bröckeln, nämlich Boden, Wasser, Artenvielfalt und Klima: Bereits mehr als ein Drittel des fruchtbaren Bodens der Erde ist heute verloren, meist aufgrund von (hauptsächlich menschengemachter) Erosion. 50% der Grundwasserreserven sind bereits abgepumpt und werden sich auch nicht mehr regenerieren. Nur noch 5% aller Nutzpflanzen-Sorten werden angebaut. Und nicht zuletzt führt der Klimawandel zu immer häufigeren Extremwetterlagen. Schätzungen zufolge werden extreme Wetterereignisse bis zum Jahr 2080 dafür verantwortlich sein, dass die Menschen in Afrika und Asien mit bis zu 40% Ernteausfall rechnen müssen – was auch in anderen Teilen der Welt, z.B. dem Mittleren Westen der USA, nicht mehr kompensiert werden kann, weil dort ebenfalls Dürre und Bodenerosion die Ernten bedrohen.
Fakt ist, dass mittelfristig einer um 1,8% steigenden Nachfrage nur eine um 1% steigende Produktion von Nahrungsmitteln gegenübersteht. Höhere Lebensmittelpreise sind die Folge; Experten rechnen mit einer Preissteigerung um 50% bis zum Jahr 2030. Eine Folge davon ist die zunehmende Spekulation auf Nahrungsmittel an den Börsen, sie in den letzten Jahren um das Fünffache gestiegen, aber auch ein Anstieg des Land-Grabbings. Schon heute befinden sich etwa 30% der Landfläche in der Hand weniger Unternehmen, die sich ausschließlich für ihre Gewinne interessieren.

Aber nicht nur die Nahrungsmittelproduktion steht auf dem Spiel, auch die Transportwege unserer globalisierten Welt sind gefährdet, einerseits ist der Transport energieschluckend und damit abhängig von der Erdölförderung, andererseits führen die Routen durch immer mehr kriegerische Konflikte und destabilisierte Regionen.

Die Tatsachen sprechen eine deutliche Sprache: Unsere Ernährung ist nicht sicher. Erst recht nicht in den Ballungszentren, die ohne Nachschub eine Versorgungssicherheit von gerade mal drei Tagen (!) gewährleisten, bevor alle Supermarktregale leer gekauft sind und es zu ersten Unruhen, Plünderungen und schließlich möglicherweise zum Bürgerkrieg kommt.

Gibt es eine Lösung für die Ernährungsprobleme der Zukunft? Ja, sie lautet: Wir brauchen eine Agrar- bzw. Ernährungswende. Das heißt: weg von einer immer stärkeren Globalisierung unserer Ernährung und hin zu überwiegend regionaler bzw. lokaler Nahrungsmittelproduktion. Zu einem gewissen Teil könnten sich die Städter selbst versorgen, z.B. durch Anbau auf städtischen Brach- und Grünflächen, in den Gärten, auf Balkonen und Dächern. Der Rest der benötigten Nahrungsmittel könnte aus (z.B. solidarischer) Landwirtschaft stammen, deren Anbauflächen ringförmig um die Stadt angelegt sind. Beispiele hierfür findet man beispielsweise bereits bei dem Agrarwissenschaftler und Nationalökonomen Johann Heinrich von Thünen, der sich bereits im 18. Jahrhundert Gedanken gemacht hat, wie eine Stadt sinnvoll aus der Region versorgt werden könnte. Dabei waren schon damals optimale Landnutzung und die Transport- und Wegekosten ausschlaggebend für die Frage, welche Produktionsart wie weit vom Zentrum der Stadt, wo der Markt war, entfernt sein dürfen (z.B. Wald, Tierhaltung, Getreideanbau, Gemüse, Obst, Beerenanbau). Gute moderne Beispiele von heute, wie das funktionieren kann, gibt es bereits zu Hauf: vom „Kartoffelkombinat“ und der „Genussgemeinschaft Städter und Bauern“ in München über die Bürgeraktiengesellschaft „Regionalwert AG“ im Raum Freiburg, die Stadt-Land-Food-Initiative in Berlin bis zur „essbaren“ Stadt Andernach, um nur einige zu nennen. Das Ziel muss heißen: Regionale Versorgungsketten statt Abhängigkeit von den Höhen und Tiefen eines von Klimakatastrophen, Kriegen und Spekulationsgeschäften bestimmten Weltmarktes. Ökologisch und fair produzierte Nahrungsmittel statt mit Agrochemikalien belasteter Produkte aus der Intensivlandwirtschaft. Tierzucht nur noch auf natürlichen Weideflächen, um nicht unnötig Anbauflächen für Futtermittel zu „zweckentfremden“. Die Vorteile einer solchen Wende liegen auf der Hand: Ernährungssicherheit, Umweltverträglichkeit, Preisstabilität – und nicht zuletzt Enkeltauglichkeit – von der Qualität unserer Lebens-Mittel mal ganz abgesehen.

Wer kann diese Wende gestalten? Wir als Zivilgesellschaft, d.h. lokale Initiativen, der Handel, die Gastronomie, die Landwirte, die von uns gewählten Politiker …
Kann uns die Ernährungswende gelingen? Die Klimawende – und Herr Dr. Bommert – sagen: JA!

Präsentation Dr. Wilfried Bommert: Klicken Sie hier

 

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