Donnerstag, 5. Juni 2014
19.00 Uhr
Schweisfurth-Stiftung, Südliches Schlossrondell 1, München

Referentin: Dr. Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland

Viele von uns erinnern sich noch gut an den Methanol-Weinskandal in Italien im Jahr 1986, durch den 22 Menschen starben und der vielen Verbrauchern erstmals klarmachte, dass mit unserem System der Lebensmittelerzeugung etwas grundsätzlich nicht stimmt. Der Skandal war der Startschuss für die Graswurzelbewegung Slow Food, deren Gründer Carlo Petrini erkannte, dass unsere Essens- und Trinkentscheidungen nicht privat, sondern politisch sind.

“Gut, sauber und fair”, lautet die Kernbotschaft von Slow Food. Und: “Genießen mit allen Sinnen und ohne Reue”. Das klingt simpel, aber auch ein bisschen elitär und nach einem Luxus, den sich nur wenige leisten können?

Keineswegs. Das Ziel von Slow Food ist kein Geringeres, als dass jede Mahlzeit für jeden Geldbeutel den obigen Qualitätskriterien entspricht – auch das ganz gewöhnliche Käse- oder Wurstbrot, das Müsli zum Frühstück, der Pausensnack, die Bratkartoffeln, der Leberkäs mit Ei.
“Gutes” Essen ist wohlschmeckend, spricht alle Sinne an und bereitet Freude und Genuss. Dazu gehören das Bewahren ursprünglicher und bewährter Getreide-, Obst- Gemüse- und Nutztierarten und der geschmacklichen Vielfalt, die sie uns bieten, sowie das Wissen darum, wie sie kulinarisch verwendet werden können. Wer weiß heutzutage noch, wie ein Wildkräutersalat schmeckt, geschweige denn, welche Pflanzen sich dafür eignen und wie man sie zubereitet? Wer kennt die unverwechselbaren Aromen alter Apfelsorten im Vergleich zu den wenigen, meist deutlich faderen supermarkttauglichen Sorten?
“Sauberes” Essen ist gesund und nachhaltig, bei seiner Erzeugung wurden Natur und Artenvielfalt respektiert. Das beginnt schon beim Saatgut. Genormte Hybrid-Sorten, die sich nicht selbst vermehren können, dafür aber jede Menge Pestizid- und Insektizid-Einsatz brauchen, um zu gedeihen – oder lieber eine samenfeste Sorte, die auch gleich das Saatgut fürs nächste Jahr liefert, etwas weniger Ertrag bringt, dafür aber Bienen, Schmetterlinge und sonstige auf dem oder vom Feld oder Beet lebenden Mitgeschöpfe am Leben lässt? Vielfalt an Arten = Vielfalt auf dem Teller und am Gaumen. Aber der zunehmende Verlust von Wissen über Anbau und Zubereitung althergebrachter Sorten und der Rückgang der Artenvielfalt ist mehr als eine Geschmacksfrage, denn: Die Biodiversität ist Teil unseres genetischen, ökonomischen und kulturellen Erbes – und damit unsere wichtigste Ressource. Und nicht zuletzt hat das Ganze auch eine gesundheitliche Komponente: Weniger Arten bedeutet auch eine Zunahme an Infektionskrankheiten, das ist wissenschaftlich belegt.
“Faires” Essen schließlich sichert über gerechte Preise die Würde der Produzenten und Produzentinnen auf der ganzen Welt und macht sie unabhängig von agrochemischen Großkonzernen à la Monsanto, weltweit agierenden Lebensmittelmultis und kriminellen Nahrungsmittel-Spekulationen an der Börse.

Unsere Erde könnte problemlos 10 Milliarden Menschen ernähren. Tatsächlich hungert ein Siebtel der Weltbevölkerung, erstaunlicherweise meist Landbewohner, die genau da leben, wo die Grundnahrungsmittel herkommen. Der Weltagrarbericht 2008 konstatiert: „Die Agrikultur und die Wissenssysteme, die sich auf diesen Wirtschaftsbereich beziehen, befinden sich derzeit in einer Sackgasse.“
Wir brauchen einen radikalen Systemwandel in der Lebensmittelproduktion. Nicht die Steigerung der Produktivität ist des Rätsels Lösung, sondern Ernährungssouveränität, d.h. die Verfügbarkeit von Lebensmitteln, wie sie vor allem durch kleinbäuerliche Strukturen gegeben ist. Dazu kommt, dass eine biologische und nachhaltige Landwirtschaft einen unschätzbaren Beitrag zum Klimaschutz leistet.

Slow Food engagiert sich auf allen kulinarischen Entscheidungsebenen, vom Kleinbauern über den Lebensmittelhandwerker und den Koch/die Köchin bis zu uns Konsumenten. Ziel ist die Vermittlung von Bildung, Wissen und Handlungskompetenz für einen fairen und nachhaltigen Umgang mit Mensch und Natur. Das fängt schon bei den Jüngsten an, die im Slow Mobil, einer mobilen Küche, lernen können, was gutes Essen heißt und wie sich ein Schulgarten anlegen lässt, und geht weiter mit den „Schnippeldiscos“, bei denen Jugendliche in großen Hallen, von einem DJ fachkundig beschallt, in kurzer Zeit große Mengen Gemüse schnippeln, zubereiten und dann gemeinsam essen.
Die Slow-Food-Mitglieder sind in lokalen bzw. regionalen Gruppen organisiert, sogenannten Convivien. Diese beschäftigen sich mit der Erzeugung und Qualität des täglichen Essens sowie der Esskultur und bieten dazu vor Ort entsprechende Veranstaltungen an. Dazu kommen Aktionen z.B. gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel, für eine nachhaltige Fischereipolitik oder die Kampagne „Teller statt Tonne“ gegen das Wegwerfen nicht vermarktungsfähiger (also z.B. zu groß/zu klein/zu krumm oder zu gerade gewachsener, aber sonst einwandfreier) Ware.

Auf internationaler Ebene wirkt das von Slow Food gegründete Netzwerk für lokales Wirtschaften und Lebensmittelsouveränität “Terra Madre” daran mit, den Systemwechsel in der Landwirtschaft Wirklichkeit werden zu lassen bzw. bestehende traditionelle Strukturen zu schützen. Beteiligt an dem Netzwerk sind sowohl Nahrungsmittelproduzenten, Köche, Wissenschaftler als auch Vertreter von Behörden, NGOs und Bildungsinstitutionen. Projekte wie die “Arche des Geschmacks“ und die Presidi-Förderkreise tragen dazu bei, dass vom Aussterben bedrohte Rassen, Sorten und Produkte, wie die Alblinse, die Gehörnte Heidschnucke, das Bamberger Hörnla und der Fränkische Grünkern sowie regionales Lebensmittelhandwerk erhalten bleiben.

Im Laufe unseres Lebens nehmen wir im Schnitt 100.000 Mahlzeiten zu uns. 100.000-mal haben wir die Chance, uns bewusst gegen Fast Food und die damit verbundene Entwertung von Waren und Tieren und damit für Slow Food – den Genuss mit Verantwortung – zu entscheiden. Die Formel dafür ist einfach: enkeltauglich essen.

 Präsentation Dr. Ursula Hudson: Klicken Sie hier

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