Donnerstag, 13. Februar 2014
19.00 Uhr
Schweisfurth-Stiftung, Südliches Schlossrondell 1, München

Referentinnen:

  • Dr. Iris Menn, Greenpeace e.V. Hamburg, Campaignerin u.a. für den Bereich Fisch und Herausgeberin des „Greenpeace Fischführers“:
    „Industrielle Fischwirtschaft: Gefangen und gezüchtet – welchen Fisch zu essen ist noch vertretbar?“
  • Nicole Knapstein, Journalistin und Initiatorin des „FischEinkaufsführers“, Mitbegründerin des Vereins sustain seafood e.V. :
    „Was sagen uns Verbrauchern die „Fisch-Siegel“ – und was nicht?“

Moderation: Georg Schweisfurth

Die gute Nachricht des Abends gleich vorweg: Ja, wir dürfen noch Fisch essen.Aber...

Zunächst berichtete Dr. Iris Menn über den Status quo im Bereich Fischfang. Die Fakten sind wenig erfreulich: Fast alle gängigen Speisefischarten sind inzwischen überfischt, die Populationen können sich nicht mehr ausreichend regenerieren. Ganz zu schweigen von den Millionen Tonnen Beifang (nicht vermarktungsfähige Meerestiere; bis zu 90% der Fangmenge!), die bislang schwer verletzt oder tot einfach ins Meer zurückgekippt wurden. „Kollateralschäden“ wie etwa die irreversiblen Zerstörung weiter Bereiche des Meeresbodens und ihrer Bewohner (z.B. Korallen) durch Grundschleppnetze bleiben ein Problem. Und nicht zuletzt zum Thema fairer Handel: Europäische Trawler fischen vor der westafrikanischen Küste die Bestände leer, um unseren ständig wachsenden Nachfrage nach Seefisch nachzukommen, obwohl die Bevölkerung in Westafrika dringend auf diesen Fisch als Eiweißquelle angewiesen ist.

Ist Aquakultur die Lösung? Leider nein, Zuchtfisch ist keineswegs per se die bessere Alternative: Umweltzerstörungen wie die Abholzung von Mangrovenwäldern, um dort Fischzuchten anzulegen, mit weitreichenden Folgen für die ansässige Bevölkerung, aber auch zu hohe Besatzdichten, Desinfektionsmittel- und Medikamenteneinsatz in den Becken sind eher die Regel als die Ausnahme. Dazu kommt, dass viele Zuchtfische Raubfische sind: Für ihre Ernährung müssen große Mengen Wildfisch gefangen werden. Ein Kilo gezüchteter Lachs braucht fünf, ein Kilo gezüchteter Thunfisch sogar 20 Kilo Futter in Form von wild gefangenem Fisch, der auf riesigen sogenannten Gammelkuttern zumeist ungekühlt zu den großen Fischmehl- und Fischöl-Fabriken transportiert wird. Das macht etwa 30 Mio. Tonnen pro Jahr macht das aus, bei insgesamt 90 Mio. Tonnen Fisch, den man jährlich aus den Meeren zieht.

Ein paar Lichtblicke gibt es aber inzwischen. Eine frisch verabschiedete EU-Richtlinie, die „Common Fishery Policy“, verbietet ab 2014 schrittweise, den Beifang einfach als Abfall zu entsorgen. Kleinere Fische sollen jetzt ebenfalls in den Verkauf kommen, bei Registrierung in der entsprechenden Fangquote, nicht vermarktbare Meerestiere wenigstens zu Fischfutter verarbeitet werden.

Für den Konsumenten wichtig ist die verbesserte Deklaration auf der Verpackung von Frisch- und Tiefkühlfisch, die genauen Aufschluss über Fanggebiet und -methode gibt. Ebenfalls ein Fortschritt, der nicht zuletzt Greenpeace zu verdanken ist: Zahlreiche Supermarktketten betreiben inzwischen eine nachhaltige Fischeinkaufspolitik und schulen auch ihre Mitarbeiter entsprechend. Für uns Kunden hat Greenpeace einen Fisch-Einkaufsratgeber herausgegeben, der handlich genug ist, um ins Portemonnaie zu passen. Damit kann jeder an der Ladentheke zweifelsfrei entscheiden, welchen Fisch er guten Gewissens kaufen kann und welchen nicht.

Präsentation Dr. Iris Menn

Im Anschluss ging es Nicole Knapstein zunächst um die Frage, wie weit wir den gängigen Fisch-Siegeln vertrauen dürfen. Als besonders renommiert gilt das blaue Siegel des „MSC“ (Marine Stewardship Council). Es verspricht eine nachhaltige Nutzung der Fischbestände und den Schutz der Ökosysteme. Sein Nachteil: Das Zertifizierungsverfahren ist aufwendig und teuer und damit nicht für jeden Fischer finanzierbar, auch wenn er sämtliche Kriterien erfüllen würde. Das Siegel „SAFE“ für den Delfinschutz beim Thunfischfang sagt nichts darüber aus, wie viel sonstige Schäden beim Fang angerichtet werden. Das „Naturland Wildfisch“-Siegel wird für nachhaltig produzierten und fair gehandelten Fisch vergeben, bei „Friend of the Sea“ wird auf soziale und Umweltaspekte geachtet. Aber: Keines dieser Siegel erfüllt wirklich alle wünschenswerten Nachhaltigkeitskriterien. Auf der sicheren Seite ist der Verbraucher dagegen mit Bio-Fisch aus Aquakultur, der das grüne EU-Siegel „Bio“ trägt. Es steht für artgerechte Besatzdichte, ökologisch erzeugtes, gentechnik- und von synthetischen Zusatzstoffen freies Fischfutter sowie das Verbot vorbeugender Medikamenten- und Hormongaben.

Aber braucht jeder Fisch unbedingt ein Siegel? Keineswegs, meint Nicole Knapstein. Wo immer es möglich ist, sollten wir Verbraucher regionalen Fisch frisch und unverarbeitet direkt vom Fischer (am besten aus handwerklicher Fischerei) oder vom Fischzüchter unseres Vertrauens kaufen, also dort, wo wir die Herkunft des Fisches genau zurückverfolgen und dem Fischer in die Augen sehen können. Ansonsten bleibt nur: im Zweifelsfall das Gespräch mit dem Verkaufspersonal suchen, nachfragen – und wenn man keine entsprechende Antwort bekommt, den Händler wechseln.

Nicht zuletzt kann der Fischliebhaber einen Beitrag gegen die Überfischung der internationalen Gewässer leisten, indem er sich wieder auf heimische Fischarten besinnt, wie z. B. Karpfen, Äsche, Schleie oder Barsch. Richtig zubereitet sind allesamt höchst schmackhafte Speisefische.

Präsentation Nicole Knapstein

Nach einer angeregten Diskussion lautete das Fazit des Abends: Fisch ist schmackhaft und bietet zwar leicht verdauliches Eiweiß und gute Fette, aber wir sind hierzulande ernährungsphysiologisch nicht darauf angewiesen, ihn in großen Mengen zu konsumieren. Wir können es uns leisten, ihn nur hin und wieder – dann aber in bester nachhaltiger Qualität – zu genießen. Dass es geht und wie es geht, haben die beiden Referentinnen klar aufgezeigt.

 

 

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