Cartoon Energiewende

 

„Die Energiewende wird eingestampft – und zwar komplett“


Der Film „Leben mit der Energiewende“ (2012) des freien Fernsehjournalisten Frank Farenski wurde am Donnerstag, 27. Februar, im Großen Sitzungssaal des Münchner Rathauses in gekürzter Fassung gezeigt. Der neue Film gleichen Titels (2014) ist bereits im Internet zu sehen. Im Anschluss diskutierten Dr. Thomas E. Banning, Vorstandsvorsitzender der Naturstrom AG, und Dr. Helmut Paschlau, Vorstand von Die Umwelt-Akademie e.V., zuerst in einer Podiumsdiskussion, dann mit dem Publikum. Weil Film und Diskussion von besonderer Bedeutung sind, dokumentieren wir den Film in gesamter und gekürzter Länge und die gesamte Diskussion im Wortmitschnitt.

Dr. Paschlau begrüßte Herrn Dr. Banning mit folgenden Worten: „Als Podiumsgesprächspartner habe ich gewinnen können und darf Ihnen vorstellen: Dr. Thomas E. Banning, „Urgestein“ der Energiewende, Gründer und Vorstandsvorsitzender des alternativen Energieversorgers Naturstrom AG; und als „innovative Unternehmenspersönlichkeit“ ausgezeichneter Preisträger des „Energy Awards“ der Fachmesse Renexpo; so was wie der Alternative Nobelpreis der Erneuerbare-Energien-Wirtschaft.

Sie setzen sich seit vielen Jahren für eine nachhaltige Energieversorgung auf Basis regenerativer Energien ein, die sich durch Bürgerbeteiligung, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit auszeichnet. „Rückenwind für Bayern“, dieses Bündnis gegen das populistische Ausbremsen der Windenergie, haben Sie mit gegründet. Schön, dass Sie da sind.“


Link zu Film in Originallänge

Link zu Film in gekürzter Länge

Podiumsdiskussion:

Paschlau:
Zunächst einmal noch eine Anmerkung zum Film, in dem ja sehr viel sehr gut ist, aber auch einiges hinterfragt werden muss. Wir zeigen diesen Film nicht, weil wir bestimmte Firmen oder Ansätze promoten wollen; unsere Aufgabe ist die kritische Information: Wir möchten Sie objektiv über „Fallstricke“ informieren: Augen auf beim Strom-Einkauf!

Herr Banning, der nette Herr Kristek vom Stromanbieter Care Energy hat seine Kalkulation offen gelegt, 19,9 Cent pro Kilowattstunde; das ist schlappe 7 Cent billiger, als Sie es hinkriegen, 40 Prozent günstiger als der Durchschnitt im Energiebereich; und damit hat er innerhalb zwei Jahren angeblich 360.000 Kunden geworben. Wie hat er das gemacht?

Banning:
Das müssen Sie ihn selbst fragen. Wie man das hinkriegt, weiß ich nicht, sauber geht das nicht. Ich denke, indem man erstmal irgendwas verspricht – und wenn man die Kunden gewonnen hat, kann man nachher immer noch gucken, wie man den Leuten die Realität beibringt.

Es ist ja so: Um Strom kümmert man sich eigentlich normalerweise nicht groß. Wenn ich vom Durchschnittsbürger in Deutschland ausgehe und ihn frage, ob er weiß, wie viel Strom er verbraucht, wird er es nicht wissen. Fragen Sie ihn, ob es teuer ist, sagt er „Ja, klar, steht jeden Tag in der Zeitung, ist viel zu teuer“. Das ist vielleicht ein bisschen simpel, aber so funktioniert das.

Der Kunde ist für Versorger was wert, weil man weiß, ein Kunde, den ich einmal gewonnen habe, der geht sehr selten wieder weg: Bürger sind beim Thema Stromversorgung in der Tendenz sehr träge. Und wenn der Bürger sich einmal drum kümmert und Entscheidungen trifft nach dem Motto „Ich wechsle jetzt meinen Stromanbieter“, dann gibt es nur noch sehr wenige, die da wirklich jedes Jahr nachgucken, ob es wieder eine bessere Lösung gibt. Das heißt, die Entscheidungen werden einmal getroffen und dann will Otto Normalverbraucher damit einfach Ruhe haben.

Das ist genau das, auf was solche Anbieter abzielen. Ob bei Care Energy oder bei anderen wie Teldafax; auch übrigens bei den Angeboten von den großen konventionellen Konzernen, die im Zuge der Liberalisierung alle ihre eigene Marke noch mal positioniert haben. Yellow ist ja das, was man wirklich gut kennt hier in Deutschland, weil die sehr groß aufgetreten sind im Markt. Das hat nichts damit zu tun gehabt, ein faires Angebot zu machen; sondern es ging nur darum, Kunden zu fischen. (Anm. d. Red.: Die Yellow Strom GmbH ist ein Unternehmen der EnBW Energie Baden-WürttembergAG.)

Paschlau:
Ich hatte Ihnen, meine Damen und Herren, empfohlen, bei der Kalkulation von Herrn Kristek von Care Energy ganz gut zuzuhören. Was Herr Kristek nämlich nicht in seiner Kalkulation hat, ist z. B. die EEG-Umlage. Da verhält er sich wie die 2.100 anderen Unternehmen, die sich aus der EEG-Umlage entsolidarisieren. Er kalkuliert nur mit 16% Mehrwertsteuer und er hat auch nur einen Teil des Netzbeitrages drin.

Banning:  Der Trick ist folgender: Kristek sagt: „Ich versorg Dich gar nicht mit Strom, sondern ich mache mit Dir einen Dienstleistungs-Vertrag, indem Du mir Deinen Netzanschluss übergibst. Ich als Care Energy bin jetzt derjenige, der mit dem Netzbetreiber Kontakt hat. Nicht mehr Du als Verbraucher bist der eigentliche Stromkunde – sondern ich als Unternehmen. Und Du bist sozusagen von mir nur eine Art Unternutzer“. Wenn der Kunde die Bohrmaschine oder den Wäschetrockner anwirft, bekommt er von Care Energy nicht „Strom“, sondern von seiner Schwestergesellschaft „Kraft“; damit „spart“ Care-Energy die EEG-Umlage.  

Das Problem für Care Energy ist nun, dass die (mittlerweile neun, AdV) Netzbetreiber  das Herrn Kristek nicht abgenommen haben, weshalb es inzwischen eine Menge Ärger gibt: in verschiedenen Netzgebieten ist er aus der Belieferung ausgeschlossen worden, weil er eben keine Abgaben abgeführt hat. Es hat dann mehrere gerichtliche Auseinandersetzungen gegeben.Kristek hat fast immer erreicht, in den kurzen Terminen der ersten Instanzen seine Meinung durchzusetzen. Das heißt, die Netzbetreiber sind meist verdonnert worden, ihn wieder zuzulassen. Aber: wenn man in diesen Erst-Verfahren Recht bekommt, weiter beliefert zu werden, heißt das nicht, dass man in der Sache grundsätzlich Recht bekommen hat. Das bedeutet, dass erst in einem rechtskräftigen Gerichtsurteil abschließend geklärt werden muss, ob die Vorwürfe der Netzbetreiber berechtigt sind, Care Energy wegen Missachtung der Zahlungspflicht der EEG-Umlage auszuschließen.

Meine persönliche Einschätzung ist, dass Care Energy sich außerhalb des Gesetzes befindet und dass die Forderungen der Netzbetreiber berechtigt sind. Care Energy Geschäftsmodell  ist einfach der Versuch, sich durch einen Trick aus dem solidargemeinschaftlichen Prinzip mit der EEG-Umlage zu entziehen und da drüber seinen eigenen Preis zu gestalten.

Es ist übrigens nicht das einzige Modell, das Kristek anbietet. Man muss wirklich sagen, das ist Bauernfängerei. So was Ähnliches gibt es auch von anderen, wenn Sie die Prokon-Story sehen. Sobald jemand verspricht „Bei mir kannst Du Dir ganz viel Geld sparen oder: Du kannst ganz schnell ganz einfach reich werden“, dann seien Sie vorsichtig!.

Paschlau:
Ich würde gerne noch ergänzen, dass es inzwischen eine höhere Rechtsprechung gibt zu der Frage, ob Care Energy die EEG-Umlage bezahlen muss oder nicht. Das Hamburger Oberlandesgericht hat im Oktober 2013 rechtskräftig entschieden, dass Kristek das Grünstrom-privileg nicht in Anspruch nehmen darf und deshalb EEG-Umlage abführen muss. Das führt dazu, dass Herr Kristek verdonnert wurde, knapp sieben Millionen EEG-Umlage nachzuzahlen. Seither kann er das Modell 19,90 Cent/kWh nicht mehr aufrechterhalten.

Eine Frage noch zu Care Energy, dann machen wir einen Strich unter das Thema, Herr Banning: Sie haben im Film gehört, dass Herr Kristek gesagt hat, er kaufe seinen Stroman der Leipziger Strombörse ein. Und gleichzeitig sagt er, er verkaufe 100% Ökostrom. Also soweit ich weiß, kann ich bei der Strombörse nicht 100 Prozent Ökostrom einkaufen, sondern nur den ganz klassischen  Atom-, Steinkohle-, Braunkohle-, Wasser-, Wind-, Sonne- also den allgemeinen deutschen Graustrom-Mix?  

Banning:
Das Modell fährt nicht nur Care Energy, das machen leider mehr als 80 Prozent aller sog.  Ökostromanbieter.

Die Story ist die: Der Stromanbieter kauft sich Graustrom in Deutschland – das ist eben das, was man physikalisch zur Belieferung braucht – und kauft sich ein sog. RECS-Zertifikat, Renewable Energy Certificate System. Im Normalfall stammt das aus Norwegen, wo drauf steht, dass eben diese Menge Strom, die man jetzt hier in Deutschland verkauft, in Norwegen im Wasserkraftwerk produziert wurde, und dass deswegen eine Grünstromeigenschaft vorliegt, die dann stellvertretend nach Deutschland verkauft wird. Diese Papiere können Sie spottbillig erwerben. Sie können damit Ihr Atom-/Kohle-Produkt als Grünstrom hier in Deutschland verkaufen. Das ist legal, weil es von der EU so vorgegeben ist. Aber es ist nicht das, was der Bürger unter Grünstrom versteht.

Paschlau:
Nun eine Frage zu den Plug- and Save-Modulen, die auch im Film gezeigt wurden: Die Solarmodule sind ja scheinbar eine tolle Sache. Kann ich mir im Internet für 600 Euro pro Panel kaufen und dann hänge ich es mir an den Balkon! Wie sieht das aus, kann ich mir das tatsächlich einfach an den Balkon hängen?

Banning:    
Also technisch machen können Sie es grundsätzlich erst mal. Sie müssen nur auf Eines achten: Schukodosen sind für langfristige Belastungen mit Strom überhaupt nicht geeignet. Wenn Sie eine Schukodose lange laden, dann wird das Gerät heiß und kann sich entzünden.

Das zweite Thema ist „Darf ich das?“. Formal juristisch werden Sie in dem Moment, wo Sie das Plug-and-Save-Modul in Ihre Steckdose tun, zum Energieversorger. Dann sind Sie das Gleiche wie die Stadtwerke München oder Naturstrom AG, rein formal. Also eigentlich hätten Sie dann bestimmte Auflagen zu erfüllen; Messstellen-Charakter, Sicherheiten, Meldepflichten…. Aber es kümmert sich keiner drum, weil sie unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleiben.

Paschlau:     
Im Moment nur oder auch künftig?

Banning:    
Wenn das groß um sich greift, habe ich keine Ahnung, wie sich dann auch Netzbetreiber dazu stellen werden. Wenn Sie nur ein Panel am Balkon haben – mit 160 Watt oder so – merkt das keiner und insofern ist es energiewirtschaftlich egal. Ich glaube aber, das ist nicht der Stein der Weisen.

Paschlau:
Ich würde gerne die (bau-) rechtliche Seite noch hinzufügen. Sie brauchen als Interessent in der Tat kein öffentliches Baurecht, also keine Baugenehmigung. Sie müssen also nicht ins Kreisverwaltungsreferat  oder zur Baukommission hier in München marschieren und eine Genehmigung einholen. Sie brauchen aber eine Denkmalschutz-Unbedenklichkeitsbescheinigung; die Sie nicht kriegen, wenn Sie irgendwo in der Nähe vom Denkmalschutz-Merkmal sind. Sie brauchen, wenn Sie Mieter oder Eigentümer in einer Eigentümergemeinschaft sind, in aller Regel die Zustimmung der Eigentümer. In aller Regel kommt es auf die einstimmige Erklärung an; das müssen Sie erstmal hinkriegen. Und Sie benötigen als Mieter eine Zustimmung Ihres Vermieters. Also auch hier: Augen auf!

Ich will auch noch mal auf die technischen Gefahren eingehen. Es gibt da eine Aussage von der Zeitschrift für Kommunalwirtschaft (ZfK), die aufgrund eines TÜV-Berichts sagt: „Die Dinger sind lebensgefährlich“. Lassen Sie es bitte, wenn überhaupt, nur vom Elektriker installieren. Auch das gehört zu unserer Aufklärungspflicht, Sie als Umwelt-Akademie auf solche Gefahren hin zu weisen!.

Nun noch eine abschließende Frage zum Film: Hat der Journalist Frank Farenski Recht mit seiner Kritik an den Medien, die sich von den großen Playern der Energiewirtschaft einspannen lassen und beim Thema Energiewende nur über „Strompreisbremse“  berichten?

Banning:    
Da hat er leider sehr weitgehend Recht. Das ist die Realität. Ich meine, wenn ich mich mal zwei, drei Jahre zurückversetze, welche Stimmung nach Fukoshima in Deutschland herrschte: Da gab es doch eigentlich eine klare Meinung in der Bevölkerung, dass wir jetzt den Atomausstieg brauchen. Denken Sie an den überstürzten Ausstieg aus dem Ausstieg von der Kanzlerin damals.

Die Ökostrom-Branche hat dann leider gedacht, jetzt geht plötzlich alles ganz von selbst. Ich habe damals aber Wetten abgeschlossen, dass wir in 2016 die Rückwärtswende erleben, bin da leider überholt worden, zeitlich. Ich hätte mir das nicht vorstellen können, dass die Halbwertzeit, also das Vergessen, solcher Ereignisse so schnell abläuft; dass man wirklich zwei Jahre später das ganze Thema „Erneuerbare“ mit Füßen tritt. Und das ist einfach der Fall.

Nach der letzten Wahl hat mancher bei uns in der Branche aufgeatmet, nach dem Motto, gut dass die FDP jetzt nicht mehr dabei ist und die schwarz-gelbe Koalition nicht fortgesetzt wird. Dass es jetzt unter Schwarz-Rot genauso schlimm kommt, hat keiner von uns erwartet. Meiner Ansicht nach wird derzeit die Energiewende eingestampft und zwar komplett, das will bloß keiner wahr haben. Das wird einem einfach nur verkauft mit den Worthülsen, die wir früher in der Bewegung genutzt haben. Diese Worte werden inzwischen von - man muss  sagen: politischen Gegnern von uns - nämlich denen, die wirklich an dem Alten festhängen und die Wende verhindern wollen, genutzt. Die packen aber andere Inhalte rein.

Paschlau:
Sie meinen die Entwürfe des neuen EEG?

Banning:
Was da drin steht, ist ganz klar das Ende jeglicher Dezentralität.. Ich betreibe im Moment sehr viel Aufklärung zu dem Thema: Heute war ich bei der IHK in Oberfranken. Sie wissen, wie das in den IHKs diskutiert wird und mit den ganzen Unternehmen, die unter der Last der EEG-Umlage das Gefühl haben, sie würden nur noch benachteiligt. Die wollen nur noch, dass das EEG sofort abgeschafft wird. Die wollen zurück zu den alten Welten. Offiziell sagt natürlich keiner „zurück zur Atomkraft“; klar, das macht keiner. Aber es sagt jeder „Ja, aber es muss eigentlich wieder so sein wie früher“. Das ist das Denken, das die Industrie-Konzerne in den letzten sechs Jahren geschafft haben durchzusetzen.

Paschlau:
Wie kam das?

Banning:  
Im Grunde kam der erste „Misserfolg“ bereits mit dem EEG 2000. Das EEG 2000 war zwar der Erfolg für den Durchbruch der Erneuerbaren. Aber im Sinne von „Produktionskapazität ans Netz“ bringen, also ausschließlich bei der Erzeugungsseite. Weil das damit geklärt war, hat man sich leider zurückgelehnt. Die Branche hat sich keine Gedanken gemacht über Fragen wie: Wer kauft eigentlich eines Tages den Strom? Wer will ihn haben? Was müssen die zahlen? Wie integrieren wir das auf Dauer? Wann soll die konventionelle Energie wirklich abgelöst werden durch die Erneuerbaren? Und das Thema hat uns inzwischen eingeholt, weil wir darauf in der Erneuerbaren-Branche keine sauberen Antworten entwickelt haben. Da müssen wir uns erstmal an die eigene Nase packen.

Zweitens haben wir 1998 die Liberalisierung des Strommarkts in Deutschland gehabt. Die Liberalisierung ist anfangs nur eine reine Papiersache gewesen. In Echt gab es sie nicht, sondern sie hat einfach nur dafür gesorgt, dass viele kleine Stadtwerke und Gemeindewerke komplett verunsichert wurden. Auch gerade hier in Bayern sind viele Objekte verkauft worden, ganze Stadtwerke respektive Wasserkraftwerke und ähnliches, z.B. in Straubing, Regensburg. Sie sind verkauft worden aus Angst vor der Liberalisierung – so wurde das aufgebauscht. „Ihr Kleinen, verkauft alles, nehmt das letzte Geld, was Ihr kriegen könnt!“ Und so ist alles den Großen in die Hände gefallen. Und die Großen haben von 1998 bis so 2004 alle Hände voll zu tun gehabt, sich erstmal zu ordnen.

Die Erneuerbaren fingen an durchzumarschieren – vor allem den Siegeszug der Photovoltaik hat ja gar keiner auf dem Schirm gehabt. Und als das losging, haben die Großen gesagt, jetzt bricht uns alles zusammen. Die haben ja jedes Jahr die Zahlen gesehen, was ihnen weggebrochen ist an Erzeugungskapazität, die sie nicht verkauft bekommen. Und man kann das wirklich nachverfolgen, wie die ab 2006/2007 massiv ins Lobbying eingestiegen sind. Es sind ganze Bundesverbände gegründet worden, unter schön klingenden Namen, nur finanziert von der konventionellen Energiewirtschaft; mit nichts anderem beauftragt, als den Leuten in Brüssel und Berlin immer und immer wieder einzutrichtern: Das geht so nicht. Und damit hatten sie sehr viel Erfolg. Die Politiker glauben denen. Die Medien glauben denen. Nicht alle, aber die, die im Moment mehr das Sagen haben, die glauben denen.

Und was den großen Versorgern  nicht passt, kann ich Ihnen sagen: Denen passt nicht, dass überhaupt noch weitere Kapazitäten von Dritten ans Netz kommen, weil:Dann können sie ihren eigenen Strom nicht verkaufen. Denen passt nicht, dass sich Bürger, ob einzeln oder in Gruppen, Bürger-Genossenschaften, andere Bürger-Energiegesellschaften, sich organisieren und nicht bloß mal Strom produzieren, was ja schon schlimm genug ist, sondern auch noch drüber diskutieren: Kann ich den Strom nicht sogar selbst verkaufen, selbst nutzen?

Und deshalb sind wir inzwischen in einem knallharten Kampf. Und jetzt geht der Kampf mal wieder richtig los, das ist meine Prognose. Und wenn wir jetzt als Bürger nicht richtig Gegendruck geben, dann brauchen wir auch danach nicht mehr diskutieren, weil die Weichen dann einfach gestellt sind.

Publikumsdiskussion:

Bürger:
Meinen Sie, Herr Banning, dass die großen Konzerne irgendwann die Schalter umlegen und uns dann das Licht ausschalten und wir dann auf der Straße stehen?

Banning:
Nein, wieso?  Die wollen ja Geld mit Ihnen verdienen, die wollen ihr Geschäft wieder in die Hand kriegen und jede Kilowattstunde, die sie weniger verkaufen können, tut denen wirklich weh inzwischen. Das Runterfahren von Atomkraftwerken sorgt dafür, dass bei denen die Kriegskasse richtig dünn geworden ist.  Die sorgen jetzt dafür, dass die Politik das „in Ordnung“ bringt, indem es im neuen EEG keine Bürgerenergie mehr gibt.
    
Schauen Sie mal, was da alles drin steht: Wenn Sie ab 1. August eine Anlage bauen, sind Sie gezwungen, diese in die so genannte Direktvermarktung zu geben, zwingend.

Was ist daran schlimm? Dass es keine Alternativen mehr gibt! Heute haben wir im EEG sechs parallele Vermarktungsformen für Ökostrom: Sie können es ans EEG verkaufen, also den Netzbetreiber gegen eine feste Vergütung. Sie können sich die Direktvermarktung nehmen, mit der Marktprämie. Sie können hingehen und suchen sich jemand, der den Strom vertreibt. Man kann das Grünstromprivileg nutzen wie wir, und eine echte Versorgung aufbauen. Sie können Ihre Eigennutzung machen und Sie dürfen heute hingehen und in eine Anlage auf einem fremden Dach investieren und beliefern die Leute in der Immobilie, weil Sie kein Netz brauchen, also diese Direktbelieferung.

Wie Sie merken, sind die sechs Möglichkeiten alle solche, die genau den Bürgern helfen. Und die werden jetzt alle schlagartig abgeschafft. Und Sie werden gezwungen, nur noch einen Weg zu nutzen, den man unter diesem schönen Begriff Direktvermarktung  „verkauft“.

Paschlau:
Was bedeutet das?

Banning:
Direktvermarktung heißt: Sie bauen eine Erneuerbare Energien-Anlage und dann müssen Sie sich jemand suchen, der für Sie den Strom verkauft. Außer Sie nutzen davon einen Teil für sich selbst zu Hause. Sie dürfen immer noch Ihren eigenen Strom verbrauchen, nur die Kosten der EEG-Umlage werden Ihnen aufgelegt, so dass es für Sie wirtschaftlich uninteressant wird. Aber man nimmt es Ihnen formell nicht weg.

Nun müssen Sie hingehen und suchen sich einen Händler, der sagt „Ich mach das gern für Dich, aber das kostet Geld“. Also nehmen wir an, Sie haben eine Windanlage. Angedacht ist bis heute, wenn Sie jetzt im alten EEG sind, würden Sie im nächsten Jahr 8,53 Ct/KWhkriegen. Das neue EEG sagt „Du kriegst sogar 8,9 Cent“. „Wow!“, schreit die Branche. „Super, wir kriegen mehr Geld“. Hingucken! Du musst von den 8,9 Cent die Vermarktung bezahlen. Du zahlst mindestens 0,3 bis 0,7 Cent/kWhan den Händler, der Dir den Strom abnimmt und über die Strombörse verkauft.

Das ist genau der zweite Punkt. Er muss ihn über die Leipziger Börse, den Spotmarkt verkaufen. Das ist das, was der Gesetzgeber als den normalen Weg vorschreibt.

Paschlau:
Was ist das Problem?

Banning:
Energiewirtschaft funktioniert nicht über Spotmärkte, die funktioniert über Terminmärkte, schon immer: Die Stadtwerke und die Regionalversorger haben immer ihren Strom drei, vier, fünf Jahre im Voraus bei den Kraftwerksbetreibern geordert. Die Kraftwerksbetreiber haben also an dem Tag, an dem der Strom in ihrem Kohlekraftwerk produziert wird, immer klassisch 80, 90, 95 Prozent bereits verkauft. Dann haben sie Restbestände gehabt, nur die gingen an den Spotmarkt. Und das Stadtwerk vor Ort, das vorher schon eingekauft hat, guckt natürlich einen Tag vorher noch mal nach – oder einen Monat vorher – und sagt „Aja, jetzt habe ich ein paar Kunden mehr oder weniger oder hat sich was geändert im Lastprofil, ich müsste noch ein paar Kilowattstunden nachkaufen“. Oder „Ach, ich habe ein paar zu viel eingekauft, die gebe ich jetzt ab“. Das war die Funktion des Spotmarkts. Ausgleich von nicht einmal fünf Prozent der Menge im Strommarkt.

Was haben wir jetzt ? Das ist ein total perfider Schachzug unserer Gegner: Die haben uns aufoktroyiert, dass wir durch die Direktvermarktung den Weg über die Börse gehen müssen. Und was passiert? Wir haben jetzt schon 25 Prozent Erneuerbare in der Produktion, 25! Wir verdrängen heute schon die Kohlekraftwerke. Trotz Abschaltung von Atomkraftwerken haben wir immer noch Überkapazitäten im Kohlebereich, die muss irgendwo hin. Wohin können sie damit? An den Spotmarkt.

Und 25 Prozent Erneuerbare dürfen nur an den Spotmarkt!! Ich will das mal anders  erklären: Sie kennen sicherlich wenn Sie Samstags auf den Markt gehen; 12 Uhr mittags und machen noch ein paar Einkäufe;noch einen Salat brauchen Sie und ein bisschen Käse; „bio“ wollen Sie sein.

Jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie haben die ganze Woche über Wochenmarkt. Zugelassen sind wochentags für den Wochenmarkt aber nur die Anbieter von konventionellen Lebensmitteln. Öko-Lebensmittel sind ausgeschlossen, dürfen nicht von Montag Früh bis Samstag um 12 Uhr verkaufen Der Samstags-Wochenmarkt für Öko-Landwirte ist dann bis 13:00 Uhr noch geöffnet – nur noch eine ganze Stunde. Die Öko-Bauern haben nur eine Stunde Zeit, ihre Ware zu verkaufen.

Aber:Die clevere Hausfrau war selbstverständlich schon unter der Woche einkaufen,. Dann haben Sie die Situation, dass seit Samstagfrüh um halb Acht der klassische Metzger und der klassische Landwirt schon da stehen und ebenfalls Waren anbieten. Hat aber mittags um 12 noch Restbestände. Salatköpfe. Was macht der? Der sagt: „Drei Salatköpfe zum Preis von einem“, weil er weiß, der Salatkopf ist für ihn am Montag nichts mehr wert. Er hat bis dahin aber schon 90 Prozent seines Wochen-Geschäfts gemacht: Der hat sein Geld längst verdient. Er sagt, jeden Salatkopf, den ich jetzt noch los kriege, egal wie billig, ist für mich ein Gewinn. Also sagt er am Spotmarkt: „Junge Frau, drei Salatköpfe zum Preis von einem“. Jetzt stehen Sie da als Ökostromanbieter oder als Öko-Landwirt und sagen „Ich habe ganz wertvolle Salatköpfe: Die sind nicht gespritzt und und und…; kosten zwei Euro pro Kopf“.

Das ist das, was der Gesetzgeber im Moment vorsieht als einzige Möglichkeit für Ökostromer.
Als Naturstrom AG sind wir einer der ganz wenigen Anbieter in Deutschland, der Strom aus deutschen EEG-Anlagen an die Kunden liefert. Obwohl alle gesagt haben, das geht nicht, haben wir ganz genau kalkuliert. Wir beliefern jetzt seit über sechs Jahren unsere Kunden mit Strom aus deutschen EEG-Anlagen. Die werden nicht über das EEG abgerechnet, die gehen nicht an den Spotmarkt. Sondern wir haben einen Kontrakt gemacht mit dem jeweiligen Produzenten, dem Betreiber, dass er uns den Öko-Strom komplett verkauft. Wir nehmen den in unseren Bilanzkreis und versorgen aus ganz vielen Anlagen unsere Kunden.

Und nun will  uns das der Gesetzgeber verbieten! Weil wir ja Konkurrenz sind für die Großen! Du darfst Deinen Salat nicht direkt an deinen Endkunden verkaufen, nur noch wenn es eh schon zu viel Überschuss-Salatköpfe der großen Bauern gibt!,

Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man lachen.

Bürger:
Gestern kam die Meldung, dass eine Kommission dem Bundestag empfehle, das EEG total abzuschaffen. Wer sitzt in dieser Kommission? Sind das auch die Großen?

Banning:
Also ob die Großen da drin sitzen, weiß ich nicht. Es sind jedenfalls Personen dort, die das Lied der Großen singen. Sie kennen sicherlich den Spruch „Trau keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“. Da kann ich nur sagen „Traue keinem Gutachten, das Du nicht selbst in Auftrag gegeben hast“. Dieses Gutachten ist inhaltlich durch nichts gerechtfertigt und Sie haben ja auch heute die Reaktion von ganz vielen gesehen; z. B. der ganze Forschungsverbund hier in Deutschland, der sich mit Erneuerbaren beschäftigt, hat aufgeschrien und gibt seine Stellungnahmen dazu. Es ist nachweisbar, dass das EEG-Gesetz zu vielen technischen Innovationen geführt hat.

Bürger:
Um bei Ihrem Beispiel zu bleiben mit den Salatköpfen. Den eigenen Salat darf ich aber weiterhin essen? Das war für mich eine wichtige Botschaft des Films, dass wir eben versuchen müssen, selbst Energie zu erzeugen, die wir dann selbst auch verbrauchen können. Sowohl beim Strom, als auch natürlich ganz besonders bei der Wärme, weil die ja insgesamt kostenmäßig wesentlich bedeutender ist im normalen Haushalt. Und meine Frage ist jetzt die: Sind die Speichersysteme in der Zwischenzeit schon so ausgereift, dass man sie im privaten Verbrauch einsetzen kann?

Banning:
Bei den Speichern haben wir eigentlich erst in den letzten zwei Jahren eine Bewegung. Inzwischen gibt es viele neue Konzepte, gerade beim Thema Power-to-Heat, da hat man hat vor ein paar Jahren ja gar nicht daran gedacht. Also das Thema, wie kann ich überschüssigen Elektrostrom in Wärme umwandeln, ist eine relativ neue Geschichte. Ich gehöre selbst zu denen, die früher gesagt haben, diese ganzen Nachtspeicheröfen sind Krampf, die helfen ja nur den Atomkraftwerken, alle weg damit. Heute würde ich sagen, na ja wir werden sie vielleicht brauchen, damit wir in Zukunft wirklich erneuerbaren Strom, der zu viel ist, zu einer gewissen Zeit in Wärme umsetzen zu können.

Bürger:
Im Film wird ja zum Beispiel das Batteriesystem der Firma ET-Energie besprochen. Was meinen Sie dazu?

Banning:
Solche Systeme sind derzeit noch sehr teuer. Das ist was für Leute, die das aus Überzeugung machen und denen egal ist, ob es teuer ist. So haben wir im Photovoltaikbereich ja auch angefangen. Es machen einige, weil sie sagen, ich will es haben, weil ich glaube, es ist der richtige Weg. Oder ich will autarker werden. Aber Sie können heute an so was kein Geld verdienen. Dazu kommt, dass der Gesetzgeber auch solche Anwendungen erschweren will. Er will künftig auch den Eigenverbrauch besteuern. Und daran sehen Sie, wie diese Gegenbewegung gegen die Dezentralisierung abläuft.

Bürger:
Dann hoffe ich, dass nun so viele auf die Straße gehen, wie nach der Laufzeitverlängerung der AKWs. Das war damals der Grund, warum die Merkel dann umgekippt ist, weil sie gemerkt hat, was sie da losgetreten hat. Das nur so als Vorbemerkung.

Also ich bin einer von denen, der seit einem Jahr ein Blockheizkraftwerk im Haus hat, ich will dazu eine Eigenversorgung mit Photovoltaik aufbauen und ich hoffe, dass das nach wie vor geht. Und klar, das ist jetzt vielleicht finanziell nicht rentabel im ersten Schritt, aber ich meine, man muss solche Techniken ja vorantreiben, um sie massentauglich zu machen Und ich habe Hoffnung, dass die Photovoltaik für die Eigenproduktion inzwischen so preiswert ist, dass die Leute trotzdem weitermachen werden, weil es einfach sinnvoll ist. Und so lange sie den eigenen Strom im eigenen Haus verbrauchen, denke ich, wird der Gesetzgeber auch nicht alles kaputt machen.

Banning:    
Das ist auch meine persönliche Hoffnung.
 Ich gebe Ihnen grundsätzlich Recht, es gibt so viele neue technische Ansätze, dass es hoffentlich weitergeht. Nur werden diese neue Technologien eben nicht aus Deutschland kommen. Der Zug fährt gerade ab. Wir haben hier eine super Arbeit geleistet. Wir haben wirklich neue Technologien entwickelt und das hat uns Geld gekostet als Gesellschaft. Das Problem ist: Jetzt wo es erfolgreich wird, sind wir nicht in der Lage, daraus eine Story zu machen, sondern wir geben sie anderen in die Hand, Investoren aus China zum Beispiel.

 

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