Mittwoch, 12. Dezember 2012, 19:00 Uhr, Internationales Begegnungszentrum der TUM, Amalienstr. 38

Referent:
Dr. Martin Grambow, Ministerialdirigent, Abteilungsleiter, Wasserwirtschaft, Bayerisches Ministerium für Umwelt und Gesundheit

Bis 1925 konnte der gesamte Strombedarf Bayerns aus Wasserkraft gewonnen werden. Heute ist die Wasserkraft mit 15 Prozent der öffentlichen Stromversorgung – nach Atomstrom – zweitgrößter Primärenergieträger. Gab es 1850 schon 6.400 Wasserkraftanlagen, waren es 1925 fast 12.000. Aktuell existieren immer noch rd. 4.250 Anlagen mit einer installierten Leistung von 2,9 Gigawatt. Im Bereich Wasserkraftnutzung ist Bayern, bedingt durch die natürlichen Gewässer- und Gefälleverhältnisse, deutschlandweit führend. Dies gilt sowohl für den Anteil an der Umwandlung in Primärenergie als auch für den Anteil an den Erneuerbaren Energien in Deutschland.


Der weitere Ausbau der Wasserkraft in Bayern aber ist massiv umstritten:
„Ökologie“ und „Wasserkraftnutzung“ widersprächen sich und Wasserkraftnutzung bedeute immer einen unvertretbaren Eingriff in Flora und Fauna, so die Argumentation mancher Gewässer- und Naturschützer. Die Umweltverbände sind unter heftigem Protest aus dem „Forum Wasserkraftnutzung“ des Bayerischen Umweltministeriums ausgestiegen.
Die Bayerische Staatsregierung dagegen vertritt die Meinung, dass auch die Wasserkraftnutzung im Rahmen der Energiewende einen weiteren, ökologisch vertretbaren Beitrag zur Energieerzeugung in Bayern leisten kann und muss. Sie will die Wasserkraftnutzung - insbesondere aufgrund ihrer „Klimaneutralität“ - moderat ausbauen. Ihr Anteil am Stromangebot soll um 2 auf 17 Prozent, d.i. auf 2 Mrd. kWh/a steigen. Dazu wurde ein Zehn-Punkte-Programm vorgelegt.


Wenn ein Umweltthema besonders streitig ist, ist das genau richtig für Die Umwelt-Akademie e.V.: Wir wollten uns den Streit zunächst aus Sicht der Energiewende anschauen und diskutieren, ob das auch ökologisch verantwortbar ist: Es sprach Ministerialdirigent Prof. Dr.-Ing. Martin Grambow, Abteilungsleiter Wasserwirtschaft im Bayerischen Ministerium für Umwelt und Gesundheit. Kenner sagen, dass er der „Wasser-Papst“ in Bayern sei, an ihm gehe in Sachen Gewässer nichts vorbei.

Grambow spann einen großen Bogen, in dem das streitige Thema Wasserkraftnutzung doch relativ kleiner erschien; ein kluger, abwägender Vortrag:
Zunächst sprach Grambow über die existentiellen Probleme, die die Menschheit erzeugt und durch die  sie sich bis an den Rand des Kollapses gebracht hat:  Überbevölkerung auf dem Globus, Wassermangel als leitende Knappheits-Größe und damit Ernährungskrise, Ausbeutung der natürlichen Ressourcen bis zum Exzess, Nutzung der Atmosphäre als CO2-Deponie und damit Klimaerwärmung, galoppierende Abnahme der Artenvielfalt, Vermüllung der Weltmeere, Finanz- und Wirtschaftskrise.

Doch Verursachung und Lösungsansätze widerstreiten sich erheblich, Komplexität ist das Stichwort: Wer „Klimaschutz/Energiewende“ als alleinige Handlungsoption versteht, kommt ggf. mit „Naturschutz“ in Konflikt. Ethische Grundprinzipien könnten helfen, die Entscheidungsdilemmata zu lösen: Utilitarismus, Kantianismus, Verständigung – alle haben sie auch Nachteile. Grambow plädierte für Verständigung, Verhandlung und Vereinbarung.

Und so sei das „Forum Wasserkraftnutzung“ zu verstehen: Als ein Wissens-, Verständigungs- und Vereinbarungsforum, ob und wie künftig in Bayern die Wasserkraft ökologisch ausgebaut werden könne und solle; deshalb sei es zu bedauern, dass die Naturschutzverbände aus dem Forum ausgestiegen seien. Einerseits sei es wünschenswert, wenn Wasserkraft weitere Beiträge zur Energieerzeugung leiste; andererseits dürfe das nicht zulasten Natur- und Gewässerschutz gehen. Ja, es sei richtig, auch Wasserkraft habe teils erheblich negativen Einfluss auf Flora und Fauna. Das Forum, der Prozess laufe aber weiter, es gäbe erhebliches Geld für Forschung. Ergebnisse seien noch nicht greifbar; deshalb vermied Grambow trotz Nachfrage jede konkrete Antwort, wann, wo, welche Anlage genehmigt, gebaut oder nachgerüstet werde.  

Im Fokus sind zum einen Maßnahmen, die das „System“ verbessern: Fischverträglichere Turbinen; Auf- und Abstiegshilfen; Rechen/Ultraschallsysteme; neue Techniken, die Geschiebe zulassen, um das Eintiefen der Gewässer zu verhindern und so Auwälder zu erhalten. Zum anderen ist unser Systemverständnis zu hinterfragen: Geht es um den einzelnen Fisch oder um Fischarten (weniger Nasen, mehr Karpfen), um die Funktion des gesamten Öko-Systems Gewässer (wie erhalten wir die Gesamtheit am besten, siehe Nitrat- und Phosphat-Beeinträchtigung durch die biomass-to-energy-Landwirtschaft)?
Grambow’s Fazit: Wir haben in Europa, in Bayern (fast) kein „natürliches“ Gewässer mehr, alle Fließgewässer sind von Menschenhand gemacht oder beeinflusst, also „kulturell“; es gelte abzuwägen.

Präsentation Dr. Martin Grambow: Klicken Sie hier

Viele der knapp 50 Zuhörer waren offensichtlich gut vorinformiert; die Diskussion verlief sachlich und auf hohem Niveau. Zunächst zu technischen Details (z.B. wie schnell sind Langsamläufer-Turbinen).
In der Diskussion meldeten sich dann, wie zu erwarten, Mitglieder von Naturschutzverbänden zu Wort. Sie hatten ein Faltblatt ausgelegt, das im Netz heruntergeladen werden kann, und beriefen sich inhaltlich teilweise hierauf: Klicken Sie hier
Erkennbar waren sie oft nicht einheitlicher (Fach-) Meinung.

Zum einen wurden die Naturschutzverbände aus dem Publikum gefragt, warum sie aus dem Forum Wasserkraftnutzung ausgestiegen seien. Antwort: Es habe keine Parität gegeben, sie würden jederzeit überstimmbar, die Grundlagenpapiere seien nicht verhandelbar gewesen. Antwort Grambow: Fünf Gruppierungen (Kommunen, Naturschutzverbände, Fachbehörden, Ministerien etc.) seien angesprochen worden, jede konnte selbständig fünf Mitglieder bestimmen; abgestimmt wird im Forum nicht, es gehe um Wissensübermittlung und Verständigung. Das Forum laufe erfolgreich weiter.

Hauptkritik der Naturschutzverbände: Von den 4.250 Wasserkraftanlagen in Beitrag sind nur rd. 250 wichtig; die übrigen 4.000 erzeugen nur 1% des bayerischen Stroms, aber ganz erhebliche ökologische Eingriffe für Flora und Fauna. Da sollten nicht zusätzliche Kleinwasserkraftwerke mit Barrierewirkung in Fließgewässer eingebaut werden. Grambow: Neue Querbauwerke in Fließgewässern werden nicht mehr genehmigt, es geht um Ertüchtigung bestehender Anlagen.

Forderung: Ökologische Ertüchtigung bestehender WK-Anlagen, z.B. mittels fischverträglicherer Turbinen und Auf-/Abstiegshilfen. Hierzu reicht derzeit die Gesetzeslage aber nicht aus: Vielfach handelt es sich um privatwirtschaftliche Anlagen mit generationenlangen Genehmigungen; neue gesetzliche Schutzeingriffe gibt es nicht, staatliche Fördermaßnahmen zur freiwilligen Ertüchtigung auch nicht (wäre aber eine gute Idee).

Rückbau von Bestandsanlagen haben die Vertreter der Naturschutzverbände übrigens nicht gefordert.

Zusammenfassend: Wer diese Veranstaltung versäumt hat, hat etwas versäumt. Die Umwelt-Akademie bleibt am Thema dran.

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