Der Blick von außen
von Dr. Ing. Peter H. Grassmann

Der Fortschritt in Computer-Simulation und Mathematik führte auch Finanzprodukte zu neuer Komplexität mit oft nur von Experten verstandenen Verknüpfungen. Viele Finanzprodukte waren plötzlich nicht mehr transparent, ihre Qualität und ihre Risiken, also ihr fairer und „ehrbarer“ Wert von der Mehrzahl der Finanzdienstleister nicht mehr beurteilbar. Sie waren auf Treu und Glauben und die Ehrlichkeit der Information durch die Emittenten angewiesen.

Eine ideale Situation für manche Kreise, der Versuchung unlauterer Vorteile zu erliegen. Die zurückliegende Finanzkrise war die Folge. Aber es war mehr als nur „Gier nach Boni“, es war eine gruppendynamische Verirrung, die von der sozialpsychologischen Wissenschaft ausführlich analysiert wurde.

Sieben „Triebkräfte“ kamen zusammen (1):

  • Überhöhte Boni erzeugen unkontrollierte „Gier“
  • Schnelle Erfolge fördern kurzfristiges Denken
  • Belohnende Verhaltensmuster werden wiederholt
  • Herdentrieb – man folgt den Erfolgreichsten
  • Gruppendenken erzeugt Gruppendruck
  • Verantwortungsdiffusion und pluralistische Ignoranz durch Institutionenvielfalt
  • Verdrängen von Inkompetenzgefühlen

 

Die Wirkung dieses Handlungsmusters der Finanz- und Investmentbranche war ein Kollaps des weltweiten Finanzsystems und eine Abstrafung aller Branchenmitglieder  durch unübersehbare soziale Ausgrenzung, gleich ob beteiligt oder nicht beteiligt. Selbst zweifelsfrei „ehrbare“ Sparkassendirektoren fanden sich plötzlich auf der untersten Stufe der Popularitätsskale wieder, auf der sie vor Jahren noch ganz oben als einer der angesehensten Berufe gestanden hatten.

Das Beispiel zeigt, dass „Ehrbarkeit“ zwar immer ein Thema des Einzelnen ist, aber genauso eines der gesamten Branche, eine Gemeinschaftsaufgabe. Klar, jeder Einzelne muss zunächst für sich entscheiden, wie er mit „Versuchungen“ umgeht, aber ohne Gruppenzusammenhalt und Gruppendisziplin wird sein Bemühen unvollkommen bleiben.
Hier griff der Gesetzgeber mit der Registrierpflicht bei einer der Industrie- und Handelskammern ein. Die IHKs sind definiert als Selbstverwaltungs-Organisationen von Unternehmen und Gewerbetreibenden. Und diese hat gemäß §1 des IHK-Gesetzes auf „ehrbare Geschäftsführung“ ihrer Mitglieder hinzuwirken.

Das ist zunächst die Aufforderung an jeden einzelnen, sich an die üblichen Regeln der Fairness und der sozialen Verantwortung zu halten. Das ist zunächst eine Aufforderung an jeden Einzelnen, sich „ehrbar“ zu verhalten und immer wieder abzuwägen, ob seine Angebote und sein Werben auch unter ethischen Gesichtspunkten bestehen kann und mancher verlockender Versuchung zu widerstehen. Das  heißt also, immer wieder „nein“ sagen zu müssen, wenn man  soziale Verantwortung ernst nimmt.

Soziale Verantwortung heißt aber auch, sich für die „ Moral“ der Gruppe, der eigenen Branche zu engagieren und damit  gesellschaftliche Akzeptanz und Image für alle zu verbessern, wichtige Voraussetzung für langfristige Vertriebserfolge. Die Kammern allerdings kümmern sich um diese weicheren Faktoren der „Ehrbarkeit“ und der dazugehörigen Selbstorganisation weniger. Das ist Aufgabe der Fachverbände.

Sie sind es, die Standards definieren, hierzu Weiterbildung anbieten und in den Medien ihre Berufs- und Unternehmensgruppe mit ihren Zielen nach außen vertreten. Für nachhaltige Geldanlagen gibt es in Deutschland als Branchenverband das Forum Nachhaltige Geldanlagen, kurz FNG,  das sich dieser Aufgabe mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit widmet (2), übrigens eingeordnet in das europäische Dach der Eurosif oder mit dem Schwerpunkt Anlegerberatung den Verband cric eV..

Hoch ist heute der Druck von Politik und Allgemeinheit, sich Zielsetzungen der CSR oder Corporate Social Responibility, also Wahrnehmung sozialer Verantwortung zu unterwerfen. Die Richtlinie der EU-Kommission zur CSR- Strategie stellt dabei die Selbstorganisation von Wirtschaftsgruppen in Kammern und Fachverbänden als wichtigen Teil des Regelrahmens besonders heraus. Bei den deutschen Dachverbänden stößt dies zwar nicht auf Gegenliebe, aber das muss nicht bedeuten, dass es sich nicht um einen wichtigen Ansatzpunkt handelt.

So im Verbund, wird die wertehaltige Orientierung der Geschäftspolitik nicht nur vom Einzelunternehmer, sondern als Gruppe definiert und mit dieser Definition ihres Werteversprechens wird transparent macht, wofür sie eintritt. Dies kann dann unterstrichen werden durch Zertifizierung der Unternehmen und ein Qualitätssiegel.  Die zahlreichen Siegel aus dem Lebensmittelbereich wie Bio, Demeter oder auch Bioland sind heute Standard und eine häufige Einkaufsorientierung für viele Verbraucher. Allein im Lebensmittelbereich gibt es derzeit ca. 200 Qualitätssiegel. Die Orientierung an labels liegt im Trend, der Wildwuchs allerdings auch. Verbesserte Rahmenrichtlinien sind zu erwarten.

Das auf Qualitätssiegel spezialisierte Internetportal label.de nennt viele Branchen, noch nicht aber den Finanzbereich. Beim derzeitigen Siegeszug des Rufs nach nachhaltigen Geldanlagen ist dies aber nur eine Sache der Zeit. Sich informiert zu halten und auch persönlich zu engagieren, ist ein natürliches Gebot der Stunde. Erfolgreich werden die Qualitätssiegel sein,  die von vornherein den Dialog auch mit  Kunden und mit kritischen Teilen der Zivilgesellschaft suchen und in die Erarbeitung der Definition und auch ihrer Überwachung einbeziehen. Solche Offenheit schafft Transparenz und ist Voraussetzung, ein Qualitätssiegel zu schaffen, dem „vertraut“ wird, beste Voraussetzung für erfolgreiche Vertriebsarbeit.

Nach der Finanzkrise war es zwangsläufig, die zugehörigen Berufe und Unternehmen einem strengeren Regelrahmen zu unterwerfen. Persönliche Disziplin, aber auch das beschriebene Zusammenarbeiten in der Branche wird nun mit entscheiden, ob selbstorganisierte Instrumente der Gruppendisziplin genügen oder ob sich der Gesetzgeber auf Dauer wieder gezwungen sieht, mit weiteren  Gesetzen, Verordnungen und Vorgaben einzugreifen. Die Branche der Finanzdienstleister steht unter starker Beobachtung mit der Erwartung eines neuen Niveaus „ehrbaren“ Handelns. In dem Sinne ist sie gerade heute selbst „ihres Glückes Schmied“.

 (1)
http://www.sueddeutsche.de/geld/die-genese-der-finanzkrise-gier-und-verdraengung-1.377659
(2)
http://www.zeit.de/2013/35/gruene-aktienfonds-esg-kriterien

Auszeichnungen

Bayerische Klima-Allianz PHINEO Wirkt Siegel http://www.un-dekade-biologische-vielfalt.de/ Umweltbildung Bayern UN_Dekade_Offizielles Projekt_2014 BNE-Auszeichnung www.landesstiftung.bayern.de

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