von Dr. Helmut Paschlau, Mitglied des Vorstands

Das Praxisbeispiel soll zeigen, dass und wie wir, Die Umwelt-Akademie e.V., mit einem bundesweit einzigartigen Projekt über Umweltthemen kommunizieren, Konflikte aufgreifen und bearbeiten: „Ein authentisches und außergewöhnliches Projekt im Bereich Klimaschutz, das alle an der Energiewende beteiligten Akteure zusammenbringt und einen reflektierten, wertschätzenden Austausch ermöglicht“, so die Auszeichnung mit dem „Wirkt!“-Signet der PHINEO gAG. 2011 – 2013 hatten wir etwa 40 Veranstaltungen, 400.000 Kontakte, 4.000 TeilnehmerInnen.

Grundlage unserer Arbeit sind der Bericht des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung zur Globalen Umweltveränderung (WBGU) „Die Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ (2011) und der Bericht der Ethikkommission Sichere Energieversorgung „Deutschlands Energiewende – ein Gemeinschaftswerk für die Zukunft“ (2011). Wir verstehen „Energiewende“ nicht als technisches, sondern als zivilgesellschaftliches Problem der nächsten 30 Jahre; begründet mit dem menschengemachten Klimawandel, der Notwendigkeit zur Ressourcenschonung  sowie  zur Umkehr zu einer nachhaltig wirtschaftenden Gesellschaft.  

Wir sind Die Umwelt-Akademie e.V., ein gut vernetzter, seit 23 Jahren aktiver  gemeinnütziger Verein der Erwachsenenbildung im Bereich Umwelt/Klima mit Sitz in München. Wir haben <150 Mitglieder, sieben ehrenamtliche Vorstände, 1,5 Mitarbeiterinnen und ein sehr begrenztes Budget. Sechs Schwerpunkte beackern wir: „Werteorientierte Marktwirtschaft“, „Ethisch-ökologischer Umgang mit Geld“, „Gesundheit und Eigenverantwortung“, „ökologische Ernährung“, „Biodiversität/Gewässerschutz“; und mit unserer Veranstaltungsreihe „Mutbürger für Energiewende!“ organisieren wir seit Ende 2011 mit regelmäßigen Veranstaltungen eine Lern- und Partizipationsplattform rund um Klimaschutz und Energiewende in der und für die Metropolregion München.

Hart erarbeitet: Wir sind als „ehrlicher Makler“, als neutrale Diskussionsplattform anerkannt; zu uns kommen Menschen, die sonst nicht mehr miteinander reden. Das heißt nicht, dass wir den Konflikt scheuen: wir streiten offen und offensiv, aber immer fair. Wir engagieren uns heftig pro Energiewende,  jedoch positionieren wir uns z.B. nicht für oder gegen eine bestimmte Energieerzeugungsanlage oder die eine oder andere Seite bei Interessenkonflikten.

Hierfür beispielhaft war unsere Eröffnungsveranstaltung der Serie „Mutbürger für Energiewende“: Investor für Geothermieanlage in Bernried/Starnberg versus Bürgerinitiative dagegen, Investor für fünf Windräder in Waging am See versus Bürgerinitiative dagegen. Jeder bekam 15 Minuten für ein einführendes Statement, dann Podiums-, anschließend Publikumsdiskussion. Die Anspannung war spürbar, aber das Experiment hat funktioniert: Allen Beteiligten war klar, dass nicht technische Details wesentlich sind, sondern Information, Beteiligung, Kommunikation. Das review exakt ein Jahr danach zeigte: Fakten-check nicht gemacht, nicht fair gestritten, Projekt Windkraft entnervt aufgegeben, Projekt Geothermie streitig vor Verwaltungsgerichten. So schaffen wir die Energiewende nicht.

„Information – Motivation – Handeln“ lautet unser Motto. Wir nehmen Einfluss auf alle diejenigen, die in Sachen Energiewende kooperieren müssen: Städtische Dezernenten, Investoren, Wirtschaft/Handwerksinnungen/Industrie- und Handelskammer, Bürger-Energie-Genossenschaften, NIMBY`s, Umwelt- und Gesellschafts-NGO`s, Herr Meier und Frau Müller – und auch derjenige, der in unserem Inneren immer sagt: „Weiß schon, müsste… aber das passt jetzt nicht, … vielleicht morgen“.
Das Spektrum unserer Referenten ist überaus vielfältig: Ob Volkswirt, Energiewirtschaftler, BUND-Funktionär, Chefin Wasserwirtschaftsamt, Vorstandssprecher Stadtwerke, Mitglied Energieverband, Stadtplanungs-Chefin, selbsternannter Umweltschützer, Geschäftsführer Gebäude-Dämmung-Institut, Glücksforscher, Präsident Potsdam-Institut Klimaforschung, Mitarbeiterin Deutscher Wetterdienst, smart-grid-Forscher, Europa-Experte oder Übertragungsnetz-Betreiber… – bis auf Parteipolitiker sind alle Sparten willkommen und eingeladen. Und das Konzept überzeugt auch „große Namen“.

Unsere Themenbreite ist wenig Technik-orientiert, interdisziplinär und  oft auf den ersten Blick ungewöhnlich: „Was eigentlich ist Energiewende?“, „Was ist Glück, was Wohlfahrt?“, „Energiewende seit 1981: Wo stehen wir heute?“, „Erneuerbare Energien: Welche, wie viel, wann?“, „Wie viele neue Überlandleitungen müssen sein?“, „Gas-Speicherung von Wind und Sonne“, „Energiesparen in Haus und Hof“, „Energetische Sanierung von Gebäuden“, „München: Klimawandel konkret“, „Geldverdienen mit der Energiewende“, „Wem gehören die Erneuerbare-Energien-Anlagen?“, „Was kostet die Energiewende? Warum steigen die Strom-Preise?“, „Windanlagen: Nicht vor meiner Haustür!“, „Mut statt Wut; Bürgerinitiative pro Energiewende“…  Dahinter steht die Überzeugung:  „Die Energiewende beginnt im Kopf“.

Auch die Formate variieren stark: Wissenschaftlicher Vortrag, Pro-/Contra-Diskussion, „freundschaftliches Streitgespräch“, Kamingespräch, (Fahrrad-) Exkursion (mit Biergarten-Besuch), Grußwort von Stadt-Verantwortlichen, Schüler-Projekttage, Fortbildung von Ausbildern/Lehrern, Betreuung von städtischen „Energiemanagern“ bei der energetischen Sanierung städtischer Gebäude, Filmvorführung, amerikanischer Comic usw.

Immer zeigen wir anfangs ein Großbild, das in das Thema einführt; z.B. Geothermiebohrung/Windrad/Wut-Kopf bei der Eröffnungsveranstaltung. Oder das Cartoon von Hanitzsch zum Thema “Verspargelung“ der „schönen oberbayrischen Naturlandschaft“ durch  Windräder; „da können wir ja gleich nach Meck-Pomm…“:  Rathaus, Residenz, Theatiner-Kirche vor Alpenpanorama; Doppeltürme des Frauendoms mit Windrädern. Alles drauf: München, Energiewende, Konflikte. Doch Hanitzsch wäre nicht Hanitzsch:  Der (wirklich hässliche) Olympiaturm ist rechts auch im Panorama, 40 Jahre jung, aber „verspargeln“ tut er nichts mehr, längst Kulturgut…
                                      
Dank eines Kooperationsvertrages mit der Landeshauptstadt München (LHM), Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU), können wir die  Veranstaltungsräume der Stadt (z.B. Großer Sitzungssaal im Rathaus) nutzen und werden von der Medienabteilung des RGU bei der Pressearbeit unterstützt. Gefördert wird unser Engagement durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU), die IKEA-Stiftung und die LHM; der Löwenanteil des Geldes stammt aus Eigenmitteln wie Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Da wir alle ehrenamtlich arbeiten, zahlen wir grundsätzlich keine Honorare; wir tragen Reise-/Übernachtungskosten und kompensieren finanziell via myclimate die nicht vermeidbaren CO2-Emissionen der ReferentInnen.  
Auf Beteiligung und Transparenz legen wir großen Wert: Alle unsere Aktivitäten werden per email, internet, Presserklärung, Multiplikatoren wie Bauzentrum und eRegion etc. mit Einladung/Wiederholungseinladung öffentlich bekannt gemacht. Zunehmend  berichtet auch die Presse über unsere Veranstaltungen. Die Präsentationsfolien der Vorträge sind – samt Rückblick – auf unserer website abrufbar. Zudem haben Nutzer die Möglichkeit, zu jeder Veranstaltung per Kommentarfunktion ein Diskussionsforum zu eröffnen. www.die-umwelt-akademie.de

Die Statistik besagt:

  • 2.500 email-Adressen im Verteiler,
  • Dezember 2011 bis Dezember 2013 geschätzte 400.000 Direkt-Kontakte (ohne Medien),
  • rd. 4.000 TeilnehmerInnen auf 40 Veranstaltungen.

Die wiederholten Befragungen der TeilnehmerInnen mit standardisierten Fragebögen zeigen genauer:

  • Rücklaufquote Fragebögen >70%,
  • 40 bis 140 Teilnehmer pro Veranstaltung (Exkursionen sind auf 25-30 begrenzt),
  • Durchschnittsalter >45 Jahre (25-75),
  • 2/3 männlich,
  • Veranstaltungsreihe gut bis sehr gut bekannt,
  • Themen-/Referenten-Auswahl gut bis sehr gut,
  • Themenvorschläge/freie Anmerkungen werden aufgearbeitet.

Wir werden mit unseren Themen sehr differenziert wahr- und aufgenommen: Es kommen keineswegs immer die „gleichen Verdächtigen“: Bei „energetische Sanierung von Gebäuden“ kommen die Häuslebauer, bei „smart-grids“ die jungen (männlichen) Startups.

Das Wichtigste, „Was bewirken unsere Veranstaltungen bei Ihnen?“: Je 1/3 der Befragten sagt, dass er/sie jetzt umweltbewusster/energiesparsamer lebt, ein weiteres Drittel, dass das Thema „Umweltschutz“ häufiger – z.B. in der Familie – thematisiert werde; und das letzte Drittel kommentiert: Keine Wirkung, bin schon umweltbewusst. Diese Aussagen sind Selbstauskünfte, sie sind trotzdem überraschend positiv. Unsere Kampagne “Wirkt!“, sagt Phineo.   

Mode- und Lieblingsthema „Vernetzung“: Da haben wir eine kräftige Niederlage einstecken müssen: Durchorganisiert war ein ganztägiges (kostenloses) Treffen von Energie-Bewegten im (städtischen) Bauzentrum München. Jede Initiative/Energiegenossenschaft… sollte die Möglichkeit bekommen, sich mit Stand, Wandzeitung und Kurzvortrag vorzustellen; beabsichtigt war ein Begegnungs- und Erfahrungsaustausch; dazu ein Querschnittsthemenprogramm mit kompetenten Vorträgen (Wie gründe ich eine Genossenschaft? Was muss ich bei der Genehmigung einer PV-Anlage beachten?…) und runde Tische unter den Teilnehmern (wie können wir unsere Öffentlichkeitsarbeit verbessern? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen?…).

Drei Aufrufe an je 8.500 email-Adressen in ganz Bayern haben sechs – in Worten: 6 – Zusagen erbracht. Damit war das Thema „Vernetzung“ erst einmal ad acta gelegt. Mögliche Gründe: Der Aufwand für eine Gruppe, sich für eine Präsentationsveranstaltung nach München vorzubereiten/zu reisen ist hoch; der (politische) Sinn eine Vernetzung wird nicht erkannt („warum sollen wir Freisinger uns mit den Kemptener treffen, die wissen doch eh nichts von unseren Bedingungen vor Ort“) und „dann auch noch bei den Münchnern (!), die ihre Energiewende bei uns im Land abladen“ (was stimmt). Und wir haben einen schweren Fehler in der Umweltkommunikation gemacht: Wir sind nicht hingegangen „zu de Leut“, freiwillige Feuerwehr, Kirchengemeinde, Skat-Stammtisch, Bürgerinitiative… in den Landkreisen, Städten, Dörfern (weil wir es mit unseren Kapazitäten nie leisten könnten!).

Nach zwei Jahren wirklich harter Arbeit „Mutbürger für Energiewende!“ ist unsere Bewertung differenziert:
Wir sind anerkannt, Zentrum einer Bewegung, motivieren Kopf und Bauch, freuen uns über Auszeichnungen, gute Besucherzahlen und breite Medienberichte… Zugleich erleben wir die Arroganz und den Lobbyismus der alten AKW- und Kohle-Energie-Interessen und die populistischen Wahlkampf-Maßnahmen in Bund und Land, die „Energiewende“ versprechen und "Strompreisbremsen“ gegen Erneuerbare Energien und CO2-Emissions-Erhöhungen für Edel-Autos durchsetzen wollen.
Das jedoch dürfte im Frustrationsspektrum jeder Umwelt-Initiative liegen.

Unsere Kritik geht tiefer:
Wir machen den Job, den andere machen müssten: Die Bundesregierung, der Freistaat Bayern, die Landeshauptstadt München. Es kann nicht richtig sein, dass eine kleine Umweltorganisation, wie wir es sind, in ihrem Wirkungskreis eine Umweltkommunikationsarbeit leistet, die von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung einer Generation ist.   
Der „Bürger-Energie-Dialog“ der seinerzeitigen Wissenschaftsministerin Schavan (der Autor hat daran teilgenommen) war eine klare Demonstration des Ruhigstellens und der Pro-Forma-Beteiligung: In den Diskussionsrunden durfte nur über „Technik“ diskutiert werden (über Mobilität oder Energiesparen z.B. nicht), nach ½ Jahr war Schluss (der Bürgerdialog der Bundesregierung zu neuer Medizin läuft seit >4 Jahren), den „Bürgerbericht“ dürften die zuständigen Minister nicht gelesen haben.
Bayern – Freistaat immer vorne – will zwar Offshore-Windenergie von der Nordsee importieren, aber nicht über die erforderlichen Übertragungsleitungen reden; auch nicht über die erforderlichen drei bis fünf neuen Regelenergie-Gaskraftwerke. Zudem wollen die Bayern-Wahlkämpfer Mindestabstände 10 x Nabenhöhe Windrad/Wohnbebauung (= 2.000m, statt bundesweit 800m) durchsetzen, was den Anfang vom Ende der Energiewende bedeutet. Und die Kapazitätserweiterung (!) des Atomkraftwerks Grundremmingen hat die Staatsregierung auch schon befürwortet.
Die Landeshauptstadt München schmückt sich mit dem Attribut „Radlhauptstadt“. Ansonsten haben die Befragten seriöser Forschungsinstitute von den (tatsächlichen) Klimaschutz- und Energiewende-Maßnahmen der Stadt nichts oder wenig gehört. Die Energiewende ist an die Stadtwerke München „delegiert“ (was dem städtischen Haushalt 250 Mio. € Überschuss pro Jahre erbringt). Das Integrierte Klimaschutz-Handlungskonzept der Stadt (IHKM) ist beachtenswert ambitioniert – schmückt sich aber mit CO2-Reduzierungen in Spanien/Finnland und ist verbindlich nur für die Stadtverwaltung. Es bezieht – außer einem exklusiven Unternehmer-Club – die übrigen stakeholder pro Energiewende kaum ein. Ein städtischer „Bürger-Energie-Dialog“ existiert nicht.
Und auch ein Zweites: Sollte man befürworten, dass „Umweltgedöns“ wie Klimaschutz und Energiewende Aufgabe nicht nur staatlicher, sondern auch zivilgesellschaftlicher Organisationen ist, und sollten Organisationen, Stiftungen, Unternehmen diese zivilgesellschaftliche Aufgabenerfüllung Dritter dann auch unterstützen, fördern, stiften… Dann, bitte schön, mögen sie das nicht in Projekt-Jahresscheiben mit höchst unterschiedlichen Geschäftsbedingungen, sondern der Generationsaufgabe entsprechend angemessen und nachhaltig tun, z.B. via mehrjährigem Organisationssponsoring.

Auszeichnungen

Bayerische Klima-Allianz PHINEO Wirkt Siegel http://www.un-dekade-biologische-vielfalt.de/ Umweltbildung Bayern UN_Dekade_Offizielles Projekt_2014 BNE-Auszeichnung www.landesstiftung.bayern.de

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