Die zwölf Thesen von Burn Out
von Peter H. Grassmann

These 1 Erstmals gilt es, globale Gemeinschaftsgüter zu verwalten.

Erstmals in der Geschichte der Menschheit sind globale Probleme der Marktwirtschaft entstanden. Technologischer Fortschritt und explodierendes Bevölkerungswachstum wurden zu einer das Überleben gefährdenden Belastung der globalen Gemeinschaftsgüter Luft und Wasser.

These 2 Nationale Strukturen können nicht weltweit ordnen

Freie Marktwirtschaft benötigt einen funktionierenden Ordnungsrahmen, eine der zentralen staatlichen Aufgaben. Der Nationalstaat aber kann keine grenzübergreifende gesetzliche Regelung bieten. Die mangelnde Übereinstimmung von politischen Grenzen und wirtschaftlichem Handlungsraum ist ein zentrales Systemdefizit globaler Märkte, Ursache für Überhitzungen, Exzesse und sich wiederholendem Kollaps. Schon Adam Smith hat betont, dass Marktwirtschaft eine ethische Grundhaltung und einen staatlichen Ordnungsrahmen benötigt.

These 3 Die Online-Vernetzung hat neue globale Freiheit geschaffen
Zugleich hat die Online-Vernetzung von Wirtschaft und Gesellschaft eine epochale Veränderung der globalen Kommunikationsmöglichkeiten geschaffen. Mit ihr können Kapital, Know-how und Wertschöpfung weltweit zügig verschoben werden an den jeweils ökonomisch günstigsten Ort. Soziale und ökologische Ziele werden in den Hintergrund gedrängt, denn sie werden von einer ökonomisch denkenden Marktwirtschaft als zweitrangig erachtet.

These 4 Internationale Kooperation der Nationalstaaten genügt nicht
Der aus internationaler Zusammenarbeit der Nationalstaaten entstehende Ordnungsrahmen ist schwach und unzureichend wegen der enormen kulturellen, sozialen und politischen Unterschiede der Nationen. Eine Weltregierung ist in vorhersehbarer Zukunft nicht zu erwarten

These 5 Mehr Selbstorganisation der Wirtschaftsbranchen ist erforderlich
Die Menschheit ist also aufgerufen, ihre globalen Gemeinschaftsgüter und global wichtige Werte zu verteidigen, ohne einen funktionierenden weltweiten Ordnungsrahmen zur Begrenzung gemeinschaftsfeindlichen Handelns zur Verfügung zu haben. Nachhaltiges Handeln und ethische Verantwortung haben eine neue Dimension bei Sicherung globaler Gemeinschaftsgüter und weltweiter sozialer Fairness.

These 6 Erfolgreiche Selbstverwaltung von Gemeinschaftsgütern ist möglich
Gemeinschaftsgüter können auch ohne staatlichen Ordnungsrahmen erfolgreich und ökonomisch sinnvoll verwaltet werden, wie gerade durch den Wirtschafts-Nobelpreis 2010 betont wurde. Es gilt also, dieses Denken in gemeinsamem Nutzungswillen und gemeinsamer Verantwortung in allen Wirtschaftssektoren anzustoßen und entsprechend der regionalen oder auch globalen Situation zu gestalten.

These 7 Kooperationen und Verbände der Wirtschaft sind gefordert

Diese Aufgabe ist für die einzelnen Wirtschaftssektoren sehr unterschiedlich. Neue Kooperationsgemeinschaften werden notwendig, aber die Nutzung der vorhandenen branchenspezifischen Kooperationsformen in Wirtschaftsverbänden, Handelskammern und Kooperativen sind mit aufgefordert, sich dieser Herausforderung zu nachhaltig ökosozialem Verhalten konsequenter zu stellen. Das übliche Instrument der Wertedefinition einer Gemeinschaft ist der Wertekodex, Jahrhunderte lang der Stolz vieler Stände, Zünfte, Zweckgemeinschaften und auch regionaler Stämme. Es ist an der Zeit, die Kraft des Wertekodex wieder zu entdecken.

These 8 Der mitbestimmte Wertekodex wird zum zentralen Instrument
Durch Mitbestimmung der Zivilgesellschaft in der Wirtschaft kann ein neuer Ordnungsrahmen der Wirtschaft entstehen: mit branchenspezifischen Aktionsprogrammen, Sanktionsregeln und einem verbindlichen Wertekodex.
Diese Mitbestimmung kompensiert das bisher überwiegende Versagen der Marktwirtschaft bei der Definition und Durchsetzung wirksamer Wertekodices durch ein neues Gleichgewicht der Kräfte. Dieses Modell kann Anleihen nehmen an den Erfolgen der betrieblichen Mitbestimmung, die soziale Werte im unternehmerischen Alltag sichert. In Analogie entsteht der mitbestimmte Branchenkodex als ein Steuerungselement ökosozialen Handelns der marktwirtschaftlichen Kooperation. Die Mitsprache einer organisierten Bürgerschaft ist die themenbezogene Stimme des Bürgers in diesem Gestaltungsprozess.

These 9 Der branchenspezifische Wertekodex ist ein universelles Instrument
Oft als Feigenblatt missbraucht, ist der Wertekodex dennoch das Instrument, mit dem Gemeinschaften ihre Werteregeln definieren und durchsetzen können. Er definiert die Ziele nachhaltigen Handelns, regelt Anreizsysteme und Motivation, begrenzt die Gemeinschaftsgüter gefährdenden Produktgebiete und Marketingformen und schafft den Stolz einer starken Gemeinschaft, flexibel umgehend mit politischen und geografischen Grenzen.

These 10 Der begleitende gesetzliche Rahmen von EU und der Nationalstaaten sichert die Durchsetzungskraft
Der Staat tritt zwar etwas in den Hintergrund, muss aber in seinem nationalen Grenzen den gesetzlichen Ordnungsrahmen für die Wirksamkeit von Gruppenvereinbarungen schaffen. Der Ordnungsrahmen der nach den Lissabon- Verträgen handlungsfähigen Europäischen Union hat aufgrund ihrer Marktgröße globale Auswirkungen auf Handelsströme und Wertschöpfung. Die anderen großen Wirtschaftsräume USA, China, Indien und Japan entwickeln ebenfalls eine Nachhaltigkeitsorientierung, die durch das Vorbild Europa wesentlich befruchtet werden kann.

These 11 Ein Kulturwandel der Wirtschaftsverbände wäre die schnellste Form veränderter Steuerung der Märkte
Der schnellste Hebel dieser Umsteuerung wäre ein Richtungswechsel der existierenden Kooperationen und Wirtschaftsverbände weg vom rein egoistischen Branchenvertreter hin zum Koordinator und Wächter nachhaltigen ökologischen Handelns. Diese Neuorientierung wäre die schnellste Form eines Kulturwandels, da sie auf bestehende Strukturen aufbaut und nur punktuell neue Strukturen schaffen muss. Die weltweite Struktur der Wirtschaftsverbände und Handelskammern hat den Schlüssel in der Hand, um trotz der Grenzen nationalstaatlicher Ordnung global einen neuen Umgang mit globalen Gemeinschaftsgütern und den ethischen Herausforderungen einer global vernetzten Weltgemeinschaft zu schaffen.

These 12 Die staatliche Aufgabe wird reduziert, werteorientierte Kooperation wird zur ergänzenden Leitlinie des freien Spiels der Marktkräfte
Das Wirtschaftsleben ist zu komplex geworden, um mit staatlichen Regelungen allein gemeinschaftsfreundlich zu bleiben. Der verpflichtende und mitbestimmte Branchenkodex schafft selbst organisierte Ordnungsrahmen, die den Staat entlasten. Aufbauend auf eine Empfehlung des Global Compact, können sie zum weltweiten Standard-Instrumentarium brancheninterner Kooperation und Sicherung der ökosozialen Verantwortung werden. Die Corporate Social Responsibilty (CSR) des Unternehmers ordnet sich ein in eine ökosozial wahrgenommene Verantwortung der Gesamtwirtschaft, der eigentlichen Forderung gesellschaftlichen Gemeinsinns.

Eine vertiefte Darstellung und Begründung dieser Thesen findet sich in
Peter H. Grassmann, Burn Out, Oekom-Verlag, 2010